Marta Minujín

You are so strong! You are a warrior! Marta Minujin hat das eben zu mir gesagt. Zwei Stunden 17 Minuten war ich heute nachmittag  bei ihr im Studio in San Telmo. Ich, der Warrior, mit 25 Kilogramm Equipment. Der Pazifisten-Warrior, und ich kann nur sagen: I will never forget it. Am Ende hat sie mich nach Hause gefahren.

Seit Monaten habe ich diesem Termin entgegengefiebert, seit Monaten bitte ich um Audienz bei Marta Minujin, seit Monaten warte ich auf eine Email von ihrer Assistentin. Und als ich vor drei Wochen endlich eine Antwort bekam, begann die Unruhe. Mich zwingt der Respekt vor Menschen manchmal in die Knie. Bei Marta war es besonders schlimm. Ich bin kein Groupie, nein, es macht mir aber Spaß, wenn Leute gute Ideen haben und sie in der Lage sind, diese Ideen so zu transformieren, dass man von einer Evidenz geradezu überrumpelt wird. Besonders schön ist es, wenn das mit einer Pointe einhergeht, deren Charme man sich nicht entziehen kann. So würde ich die Arbeiten von Marta Minujin vielleicht beschreiben. 

Als ich dem Hotel-Jungen heute nachmittag die Adresse nannte für mein Taxi und ich wie beiläufig sagte, dass ich dort Marta Minujin besuchen werde, kam nur ein  „whaaaat?“ Und auch Eduardo, bei dem ich vor zwei Tagen ein Stativ geliehen habe, hat es nicht ganz geglaubt. Marta kennt hier jeder. Alle sagen Marta. Hallo Marta. Auf der Straße. Am Telefon. Im documenta-Büro. Marta ist in San Telmo geboren, in diesem hochherrschaftlichen Haus aus Marmor, Stuck und schrumpeligem Parkett, in dem sie nun ihr Atelier hat. Wie viele Räume waren das eigentlich noch mal? Zehn? Wie viel habe ich überhaupt gesehen? Wer in solchen Räumen aufwächst, muss ein Freigeist sein! 

Wir reden. Sie zeigt mir ihre Arbeiten, im Schnelldurchgang. Als sie merkt, dass sie bei mir nicht das übliche Jounalistenprogramm abspulen muss, bringt sie mir zwei von diesen puderzuckrigen Röllchen mit Karamell gefüllt. Ich schlage vor, dass wir erst das Interview machen. Sie schneidet die Röllchen, ihr Assistent Sergio bringt ihr die Handtasche, und sie malt sich die Lippen rot.

Sie schummelt wohl ein bisschen mit ihrem Alter. Sollte sie also noch älter sein: chapeau! Zu den Röllchen kommen wir nicht, auch nicht nach dem Gespräch. Da fummelt sie noch ein bisschen an einem Bild herum, das sie zuvor als therapeutische Kunst bezeichnet hat. Die documenta mache sie manchmal so unruhig, dass sie mit diesen Streifenbildern wieder runterkommen müsse. Sie klebt dünne, kolorierte Faserstreifen auf eine Leinwand, dass ein Relief entsteht.

Die Streifen werden einzeln bemalt, geschnitten und dann geklebt. Eine Sysiphosarbeit, für die man Geduld braucht, oder vielmehr mit der man Geduld trainiert. Als wir gehen, packt sie mir die Röllchen ein. Später zurück  im Hotel, als ich davon naschen will, finde ich noch mehr Bisquits in der kleinen Konditortüte. Süß, oder?

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