Die Meyer Brothers und das Voicing

Als ich Maurice Steger nach einem Blockflötenbauer fragte, der die Instrumente noch von Hand anfertigt, am liebsten so ganz idyllisch in den Schweizer Bergen, war schnell von Ernst Meyer als dem „Mann in den Bergen“ die Rede. Ernst Meyer hat für Maurice Flöten gebaut, er muss ein begnadeter Blockflötenbauer gewesen sein, ein fantastischer Mensch, ein Genie, denn er hat die Flöte weiter entwickelt zu einem Instrument, das sich in großen Konzerthäusern solistisch spielen lässt. Und zwar so, dass der charakteristische Blockflötenklang trägt bis zur letzten Reihe im Publiukm und nicht untergeht. Weder im Orchesterklang noch im Geräusper ungeduldiger Zuhörerschaft. Das ist jetzt wirklich sehr sehr salopp gesagt: die Klasse einer Meyerflöte zeigt sich auf verschiedenen Ebenen. Davon erzählt aber dann der Film, den ich gerade für arte drehe. Kann man sich da schön anschauen.

Ernst Meyer starb im vergangenen Jahr, ganz plötzlich mit nur 61 Jahren. Nun bauen seine beiden Söhne Sebastian und Joel die legendären Meyer-Flöten, so wie sie es schon seit Jahren mit ihrem Vater in Paris getan haben und im vergangenen Jahr auch in Ernst Meyers Werkstatt in Bächli, total abgeschieden, wirklich im sattesten Grün, das die Schweiz zu bieten hat, ganz in der Nähe von St. Gallen. Da ist die Schweiz wirklich so idyllisch und einsam und vom Tourismus verschont, dass man sich sogar kurz entschlossen hat, den einzigen Skilift abzubauen wegen mangelnder Kundschaft.

Seb und Joel arbeiten jeweils auf der anderen Seite des Tals, jeder für sich in seiner Werkstatt. Es gibt eine Art Arbeitsteilung bei den beiden.

Joel ist jedenfalls der, der aus dem Baumstamm eine Form macht, die annähernd einer schlichten Flöte entspricht. Das ist eine ziemlich prekäre Angelegenheit, denn Joel muss das Holz, seine Textur lesen. Und wie man Holz liest, so dass man daraus Informationen für die beste aller möglichen Flöten bekommt, dazu braucht es schon jahrelange Erfahrung und täglichen Umgang mit richtig dicken Holzstämmen mit Ästen und allem Drum und Dran. Wenn Joel nämlich das Holz zu Beginn falsch liest, stellen sich später garantiert Probleme ein, und die Flöte taugt allenfalls als Feuerholz.

Seb drechselt dann die Form und die Ringe, also die Verzierungen, die je nach Modell der Flöte verschieden sind, denn die beiden Jungs bauen Flöten nach historischen Vorbildern, so wie die großen Blockflötenbauer Mollenhauer oder Küng oder Moeck auch. Meyers bauen Denner-Flöten oder die so genannte Bresson. Anyway. Das Sägen, Schaben, Drechseln geht alles von Hand. Millimeter genau. Es gibt Situationen auf der Flöte, da verhandeln Hand und Auge von Seb über 10tel Millimeter. Man kann sich nicht vorstellen, was für ein vertracktes Kunsthandwerk so ein Flötenbau ist: ich würde es akustische Bildhauerei nennen. Alles andere ist Untertreibung.

Es dauert Jahre, bis so eine Meyerflöte fertig ist. Allein schon weil das Holz so lange lagern muss. Die Meyer Brothers bevorzugen Buchsbaum, wegen seiner Härte. Wer sich eine Meyerflöte kauft, will darum meistens eine aus Buchsbaum. Die sehen echt gut aus und haben eine richtig satten Klang. „Satter Klang“: Ich rede mich hier gerade um Kopf und Kragen! So einfach ist die Sache mit dem Blockflötenklang nicht. Der Klang einer Profi-Blockflöte hat mit dem Getute, das wir alle in unserer Schulzeit fabriziert haben, rein gar nichts zu tun.

Das mit dem Klang bei den Meyerflöten kann man eben gar nicht so generell sagen, denn genau in der Differenziertheit besteht der Clou einer jeden handgefertigten Flöte. Man kann Flöten eben nicht nur stimmen (eine Selbstverständlichkeit), man kann ihr eine eigene Stimme geben. Fies gesagt: man kann sie manipulieren. Hübsch gesagt: man gibt ihr ihre Seele. Das nennt man dann „voicing“. Jede Flöte bekommt bei den Meyer Brothers ein auf den Spieler personalisiertes Voicing. Je nachdem ob der Spieler einen eher schlanken oder fetteren Ton haben will. Das ist jetzt auch grob fahrlässig von mir verkürzt erklärt. Voicing ist eine komplexe Angelegenheit, die Tage, Wochen dauern kann, weil das Holz wankelmütig arbeitet, echt tricky! Im Voicing zeigt sich die wahre Meisterschaft eines Blockflötenbauers. Könnt Ihr Euch auch im Film anschauen. Will hier auch nicht alles verraten.

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