Käsekuchenglitsch im Streit-Oktett

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Brigitte Fassbaender hat mal wieder Hand angelegt. An der Oper Frankfurt. Das dritte Mal hat sie hier ein Stück inszeniert. Bernd Loebe bietet der Grand Old Dame des Liedes seit einigen Jahren eine große Bühne. Das ist super. Zum zweiten Mal macht sie hier Richard Strauss. Capriccio. Und als wärs irgendwie Absicht, hat Intendant Bernd Loebe ihr drei Mal Werke anvertraut, die das Opernmachen selbst thematisieren. Same same also. Bei Strauss‘ Ariadne auf Naxos ging es um ein Spiel im Spiel, bei Brittens Paul Bunyan auch irgendwie. Und hier nun bei Strauss‘ Capriccio hatte sie es sozusagen mit einer selbstreferentiellen Spiel-im-Spiel-Schleife zu tun. Es gibt ein Spiel im Spiel, das wiederum eine Spiel im Spiel ersinnt. Man überlegt auf einer Opernbühne in einem inszenierten Spektakel, was eigentlich eine gute Oper ausmacht. Meta-Ebenen-Gewurschtel at its best.

Tja, was denn eigentlich? Text oder Musik? Teaming natürlich. Und starke Frauen. Zumindest, wenn sie wie im Falle von Capriccio von einer starken Frau als starke Frauen inszeniert sind. Bernd Loebe hat dazu Bayreuther Stimme auf die Bühne geholt. Camilla Nylund als Gräfin Madeleine kann diese Partie stante pede singen. Für ihren ersten Ton in der zweiten Szene musste sie (gefühlt) nicht mal einatmen. „Der Strom der Töne trug mich fort“ sind ihre ersten Worte auf einem zwei gestrichenen f . Wie wahr, wie wahr. In der riesigen Schlussszene singt sie nach zwei Stunden immer noch frisch, klar, durchsichtig und mit einer charmanten Helligkeit. Das klingt bemerkenswert jung, schön, ja schön, klangschön. Tanja Ariane Baumgartner, mit der ich übrigens in den nächsten Wochen einen Doppelkopf für hr2 aufnehme, singt die Schauspielerin Clairon: arrogant, eine Bitch (pardon), aber mit Grandezza. Es ist irre, wie groß diese Frau wird, sobald sie eine Bühne betritt – dabei ist sie echt zierlich. Aber ihre Fricka in Bayreuth zum Beispiel ist königingleich. Sie singt die Fricka auch in Chicago gerade. Man sollte hinfahren.

Brigitte Fassbaender liebt ja das theatralische Theater. Sie hat sich von Johannes Leiacker ein bombastisches Theatersymbol bauen lassen: diesen schweren roten, goldenen Samtvorhang, behangen mit Quasten. Der ist allerdings gemalt und sieht täuschend echt aus. Ein Prospekt also nur, eine Art trompe l’oiel. Ich habe noch nie so viele Smartphone blitzen sehen wie gestern abend, Minuten vor dem Beginn der Oper, weil alle diesen falschen Vorhang fotografiert haben. Hier schon spielt Frau Fassbaender mit dem selbstreferentiellen Paradoxon. Ihre größtes talent ist aber das Geschichtenerzähler. Was ist sie doch für eine fantastische Geschichtenerzählerin! Sie zeichnet Figuren so genau, baut Sidestories, wie die mit dem kleinen Jungen, mit den lauernden Pagen und dem ehrgeizig depperten Dichter Olivier, der eine Gräserallergie angedichtet bekommt. Das alles formuliert sie so dezent und dabei doch so markant aus, dass man immer wieder das Auge auf diese Erzählstränge richtet. Vor allem anderen ist der Abend allerdings echt klasse gesungen. In den Oktetten habe ich zwar den Überblick verloren, nun, die sind ja auch extra so komponiert. Aber dann ist da vorher noch diese Kuchennummer. Das Oktett mampft Kuchen. Käsekuchen. Und mit diesem Glitsch im Mund singen die dann das Streit-Oktett. Das ist wirklich hohe, hohe Kunst.

 

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