Im Herzen aber war Hawaii – ttt und der Arabische Frühling

Ich dachte, ich fahre nach Hawaii! So war mein Gefühl, als ich am Montag früh in mein Auto stieg und nach Wochen wieder einmal auf Reisen ging. Zum Dreh! Hawaii ist mein nächstes Urlaubsziel, sobald wir wieder richtig reisen dürfen. Am Montag ging es erst mal nach Stuttgart. Statt Sonne, Wellen und Surfen wehte dichtes Schneetreiben über die Autobahn. Im Herzen aber war Hawaii.

In Stuttgart war ich mit dem ehemaligen ARD-Korrespondenten Jörg Armbruster für ein Interview verabredet zu seinem neuen Buch „Die Erben der Revolution“. Herr Armbruster hat bei Hoffmann und Campe einen ziemlich guten Text über den Arabischen Frühling veröffentlicht, in dem er die Ereignisse aus 2010/2011 gut verständlich nachzeichnet, aber vor allem Bilanz zieht. Jörg Armbruster profitiert natürlich immens von seiner Zeit als ARD-Korrespondent in Kairo, denn er hat das erlebt, wovon ein Journalist nur träumen kann. Er war in der historischen Sekunde, in der Hosni Mubarak aus Kairo mit dem Hubschrauber floh und sich diese Nachricht unter den Demonstrierenden verbreitete, in der also ägyptische Geschichte geschrieben wurde, live in der 17-Uhr-Tagesschau auf Sendung. Völlig unvorbereitet, ohne zu wissen, was da eigentlich gerade auf den Straßen Kairos passiert, reagiert er auf den euphorischen Jubel der Menschen, der von unten auf den Reporter-Balkon des ARD-Studios dringt. Jörg Armbruster filmt mit der Kamera auf die tanzenden Jungs unten und sendet, sendet, sendet. „Bleiben Sie bitte auf Sendung!“ ruft er dem Moderator rücklings in Hamburg zu und wird so zum Zeitzeugen eines großen historischen Moments.

In diesen Tagen wiederholt sich der Jahrestag der Revolution zum zehnten Mal, und ich hatte kurzfristig den Auftrag bekommen, einen Beitrag für das Fernsehmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“ zu produzieren. Also fahre ich zu Herrn Armbruster nach Stuttgart, der einer der harten Kerle jener Zeit ist, für die der Job das Leben ist, der aus seiner Chronistenpflicht ein Protokollamt machte: die Liste der Beiträge, die er aus seinem Berichtsgebiet gesendet hat, liest sich wie ein akribisch geführtes Tagebuch. Er hat einfach alles mitgeschrieben, notiert, festgehalten, Beitrag für Beitrag. Das gibt es heute so gar nicht mehr. Jörg Armbruster allein schon ist eine Institution und einen Beitrag wert, ich habe seine Schalten damals nahezu alle gesehen. Das Gespräch mit ihm über den Arabischen Frühling ist darum doppelt toll: ich sitze ihm als ttt-Autorin gegenüber, aber eben auch als „Groupie“. Ja, das ist vielleicht ein bisschen peinlich, aber ohne Vorbilder geht es nunmal nicht im Leben. Und ich war selbst 2010 in Kairo, direkt vor den Aufständen – unterwegs mit dem ägyptischen „Indiana Jones“, dem Archäologen Zahi Hawass, in der Totenstadt des Königs Sahure. Wir krochen in Pyramiden, stapften durch den ägyptischen Sand. Ich wohnte im Hotel Semiramis am Tahrir-Platz, ich besuchte das Kairo Museum am Tahrir-Platz, sah Tut-Ench-Amun, ich sprach mit Wafaa El-Saddik am Tahrir-Platz. Alles wird gerade wieso lebendig.

Der ttt-Beitrag ist auch wegen seiner vielen Nebengeschichten interessant, die man natürlich nicht sieht. Die Recherche für das Stück war ziemlich „wow“. Wir wollten Herrn Armbruster noch eine junge Stimme aus der Arabellion zur Seite stellen, um die Innenperspektive von jemandem zu zeigen, die das alles selbst erlebt hat, die also nicht in die Rolle der journalistischen Beobachterin gedrängt wurde. Wir wollten die Stimme der Chefredakteurin der Online-Zeitung Mada Masr. (Schaut Euch mal die Website an!) Mada Masr ist in Ägypten verboten, in Deutschland kann man die Beiträge aber uneingeschränkt lesen. Nur so viel: Das Protokoll meiner tagelangen und multilateralen Kontaktaufnahme zu Lina Attalah ist ein Beleg für die Unterdrückung der „freien“ Presse in Ägypten. Lina konnten wir darum in dem Beitrag nicht zu Wort kommen lassen. Wir haben uns am Ende entschieden, mit Alaa Al-Aswani in New York zu sprechen. Herr Al-Aswani lebt dort seit 2017 im Exil, weil er dem ägyptischen Regime immer wieder den Spiegel vorhält. Gerade ist in Deutschland bei Hanser sein neuester Roman erschienen: „Die Republik der Träumer“ heißt das Buch. Schon die erste Szene ist so grandios und süffisant, dass ich das Buch regelrecht gesuchtet habe.

Alaa Al-Aswani ist auch so ein Mann, über den man einen ganzen Film machen sollte. Natürlich hat er die 18 Tage des Arabischen Frühlings Tag und Nacht auf dem Tahrir-Platz verbracht. Natürlich erinnert er sich noch an jede einzelne Minute aus dieser Zeit. Die 18 Tage seien die schönste Zeit seines Lebens gewesen, sagt er immer und immer wieder in jedem Interview. Und ich denke, dass es zynisch klingt. Fast 900 Menschen sind damals gestorben. Aber er meint es ernst. Herr Al-Aswani ist Zahnarzt, schon immer schrieb er Romane, schon immer kritisierte er das Regime in Ägypten. Er wurde berühmt, weil er mit seiner Kritik in einer Fernsehtalkshow einmal für ungeheuren Tumult auf Seiten des hart angefaßten Politikers sorgte. Er ist berühmt, weil es in seinen Romanen wirklich zur Sache geht, weil er kein Blatt vor den Mund nimmt, sich nicht versteckt. In unserem Zoom-Interview erlebe ich den freundlichsten, alertesten Mann überhaupt, dessen feine Ironie und deutliche Sprache so was von packend ist, dass ich ihn in die Liste meiner Vorbilder aufnehme.

Schaut mal ttt am Sonntag, 31.1. (abends, meist dann, wenn man schon viel zu müde ist). Wenn Ihr mögt: auch in der Mediathek.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: