Zelda, Shopping und Richard Wagner

Na, wie isses so? Morgen geht ja das Leben wieder los. Die Geschäfte machen auf. Als ich am Freitag nach einem Dreh in Frankfurt über die Zeil ging, sah ich schon die Menschen in den Schaufenstern herumkrabbeln, um Deko, Sachen und Poster zu den Sachen zu drapieren. Das schien mir wie ein abruptes Aufwachen aus dem Winterschlaf, bei dem der Wecker seit Wochen auf Snooze-Funktion steht. Noch einmal rumdrehen und dann aber hopphopp raus. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass jetzt alles wieder losgehen soll. Ich bleibe jedenfalls zu Hause und dreh mich morgen noch mal rum. Nee, ich hab tatsächlich zu tun, darf arbeiten. Am Weltfrauentag gehe ich sowieso nicht shoppen. Ist mir zu viel Klischee auf einmal.

Dass Einkaufen für mich einmal zu einem Erlebnis werden würde, hätte ich selbst nicht gedacht. Der Besuch des Wochenmarktes am Samstag ist zu einem Lifegoal geworden. Es gibt nichts Schöneres, wenn mich „mein“ Händler an „meinem“ Gemüsestand mit lässigem „Hi“ begrüßt und schon weiß, dass ich die wirklich frischen Datteln kaufen werde. Ich freue mich über einen Plausch mit der Apfelfrau aus der Wetterau, schaue bei der Geflügelexpertin mit der coolen Nickelbrille im Eier-Wagen vorbei oder schleiche um den smarten Honighändler herum, für den ich alle sieben Monate einen minimalsten Crush entwickele. Der Wochenmarkt ist die beste Erfindung überhaupt: draußen, regelmäßig, gute Sachen und unter Leuten.

Die schönen Dinge können so schön sein! Und darum habe ich noch was Schönes, über das ich die ganze Zeit nicht zu sprechen gewagt habe. Es hat mir aber die letzten Monate so sehr verschönert, dass ich es als Tipp mal weitergeben wollte. Ich habe „Zelda“ für mich entdeckt. Dieses Konsolenspiel aus Japan. Und, wirklich, es ist eine Offenbarung! Zelda ist Entspannung, Reisen in andere Welten, es ist Denksport, Humor, es ist komplettes Abtauchen und Selbstvergessenheit – im Prinzip für mich wie Musik von Richard Wagner. Ich bin in den letzten zwei Monaten in so viele fantastische Gegenden gereist und habe immer noch ist nicht alles entdeckt, weil ich es mir wie bei guter Musik und guter Literatur schön einteile und aufspare, damit ich lange etwas davon habe. Ich war auf Palmeninseln, in Eismeeren, in japanischen Dörfern, auf Helgoland-Felsen, in terrakottenen Canyons, in überstrahlten Wüsten, in grünen Wäldern mit Wildschweinen und Elchen, auf Bergen aus Granit, Sandstein, Buntsandstein, Kalk. Alles wie live: ich höre Vögel zwitschern, ich höre meine Schritte im Schnee, ich höre mich auf Eis schlittern, in Wasser platschen, im Gebirge ächzen, ich höre Wind krachen, Wasserfälle rauschen. Es ist, als wäre ich da. Alles 360 Grad-Grafik.

Zelda ist ein Abenteuerspiel, bei dem ein junger Held eine Prinzessin retten muss, die seit 100 Jahren gegen eine „Verheerung“ kämpft. Die Geschichte ist ziemlich bekloppt und nicht gerade gendergerecht. Ärgerlicherweise. Aber dieser Rahmen ist mir Wurscht, wenngleich man da bei den Entwickern mal anklopfen sollte, dass die nicht so überkommene stereotype Narrative benutzen. Die Schönheit der Grafik, die Komplexität des Spiels, sein Humor, seine kniffligen Aufgaben machen „Zelda“ zu einem Erlebnis über Wochen und Monate. Wer wie ich eher ungeschickt und unerfahren im Umgang mit Konsolenspielen ist, kann viel lernen, was auch im Leben hilft. Das größte Problem ist für mich, gegen Monster zu kämpfen, was man aber muss, weil man sonst einfach nicht weiterkommt im Zelda-Kosmos (oder im Leben). Das fiel mir am Anfang echt schwer und gehört immer noch zu den unangenehmen Seiten dieses Spiels, auch weil die Monster süß aussehen und ich finde, dass sie nicht sterben sollten. Ich musste Strategien entwickeln für verschiedene Monstertypen. Man gewöhnt sich tatsächlich erschreckend schnell an Gewalt. Das ist krass. Und man lernt: (a) kämpfen gehört ein bisschen dazu, (b) man muss allerdings gut ausgerüstet sein, (c) nicht alle Monster sind gleich, und (d) mitunter ist es besser, einfach weiterzuspringen und Monster links liegen zu lassen (meine Lieblingsstrategie).

Etwas ganz Besonderes an diesem Spiel ist seine fantastische Musik, finde ich. Man hat sich durchweg entschlossen, Szenen, Charaktere und Topoi mit Klaviermusik zu illustrieren. Nichts Elektronisches oder seicht Modernes, harmonisch Abgefressenes oder rhythmisch Glattgebügeltes. Nein, handgemachte Klaviermusik. Meistens Solo. Meistens komplex, harmonisch alles andere als trivial, sondern ganz schön fordernd. Vor allem wenn komische Cluster in die Zelda-Welt driften, weil der Held eine schwierige Aufgabe gelöst hat, die mit so atonalen Klaviertuschs musikalisch gefeiert wird. Für mich ist diese Musik Kunst, in Verbindung mit dem szenischen Spiel ein ganz eigenes Genre. Anders als im Film, in dem die Komposition dem Kontinuum des bewegte Bildes linear folgt, sind diese Kompositionen fragmentarisch disparat arrangiert, so dass sie pro Szene funktionieren, aber auch im Gesamtspiel, das ja jede*r Spieler*in anders anlegt. D.h. Die Musik wird in jeder Spielsituation neu kompiliert. Damit das nicht langweilig und trivial wirkt, muss man eine große Partitur im Kopf haben, bei der alle Teile irgendwie immer zusammenpassen. Das allein ist schon eine echte Leistung. Handschrift und Stil der Musik heben das Spiel tatsächlich noch einmal auf eine andere Erlebnisebene.

Zelda – mehr als nur eine Pandemiehilfe.

(Keine Werbung hier übrigens)

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