drum stories und so

Das ist Takuya. Ein Taiko-Trommler aus Fukui. Er nennt sich auch „Taikoist“, was ein bisschen komisch nach Egoist klingt, obwohl da eigentlich ein Echo von „Solist“ mitschwingen sollte. Takuya habe ich kennen gelernt, als ich auf der Suche nach einem japanischen Trommler war, den ich in Japan in einem Tempel filmen wollte. Für „drum stories“. So heißt mein neuer ARTE-Film, der etwas weirde Geschichten über die Trommel und das Trommeln erzählt und durch echt verblüffende Verbindungen klar macht, wie verschiedene Kulturen in Sachen Trommel ganz schön miteinander verwandt sind, obwohl sie nicht mal heiraten würden.

Wieso machst Du denn was über die Trommel und nicht über „Perkussion“? haben mich viele gefragt, denen ich von meinem Projekt anfangs mal so erzählt habe. Die fanden, dass man die Trommel nicht einfach aus der Gruppe der 1400 Perkussionsinstrumente rauslösen darf. Das wär‘ ja naiv. Tja, aber die Trommel macht nunmal was mit uns, was das Xylophon oder die Triangel eben nicht können. Behaupte ich jedenfalls und kann man im Film auch ganz gut sehen und hören. Und das Bild von Takuya bringt das richtig gut in ein einziges Bild. Schön und gut – der Film ist aber Zukunft und beschäftigt mich gerade auch deshalb, weil wir mit der Arbeit daran so gut wie fertig sind. Und das ist immer ein gutes Gefühl.

Heute ist aber vor allem heute, und ich kam auf Takuya und die Doku, weil in diesen Corona-Zeiten ja jetzt auch wieder mehr Platz ist für Kultur – also für Zuhause-Kultur, für Filme und so. Die großen Institutionen sind ja alle geschlossen, wir winken uns gerade einmal online zu von ganz weit weg. Ich sitze drinnen, halte mich an das social distance-Gebot, mache Gymnastik, wische den Boden, räume die Besteckschublade aus und wieder ein, mache ein bisschen Musik, höre Deutschlandfunk, Christian Drostens NDR-Podcast („Norden, Süden Osten: ich richte mich nach Drosten“ – das ist leider nicht von mir), Böhmermanns „Fest und Flauschig“ (täglich jetzt!), Rochis „Paardiologie“ und „Fazit“. Der Weihnachtsstern ist umgetopft, die Festplatte halb entrümpelt, ich recherchiere für die nächsten Filme, schreibe einen Pressetext und mache home office, was für mich sowieso normal ist. Nur dass ich nicht rausgehe, weil wir es nicht sollen und Ausgangssperre etwas ist, an dem ich nicht mit schuld sein will. Und vor allem will ich nicht schuld sein, dass sich das Virus wie auch immer verbreitet. Also hole ich mir die große Kultur in mein kleines Zuhause, mit Deutschlandfunk, Netflix, Podcasts, Museums-Digitorials, Instagram-Konzerten und Mediatheken und, ja, linearem Fernsehen.

Mein Lieblings ist im Moment, und wahrscheinlich habe Ihr das sowieso schon mitbekommen, das tägliche Hauskonzert von Igor Levit auf Instagram. Wer noch kein Instagram hat: das ist jetzt wirklich ein Grund. Jeden Abend um 19.00 Uhr spielt er eine Stunde live in seinem Wohnzimmer. Er hat eine kleine Kamera aufgestellt, man sieht nur eine Totale. Aber das ist super. Heute Abend soll es Schubert geben oder Brahms. Total schön! @igorpianist

https://www.instagram.com/igorpianist/

Als ich 2011 meinen ersten Film für ARTE drehte, war das eines der schönsten Projekte überhaupt. Ich begleitete den Fotografen Martin Schoeller bei seiner Arbeit an Porträts. Martin, der in diesen Tagen in Deutschland richtig gehypt wird, hatte ich damals schon lange auf meinem Monitor, denn ich hatte „The New Yorker“ abonniert, und da war er der Nachfolger des legendären Richard Avendon und machte diese grandiosen „environmental portraits“. Martin hat damals Marina forografiert. Er hat extra ein Shooting für unseren Film arrangiert. Und ich kann Euch sagen: Marina hatte das Loft im New Yorker Meatpacker District noch nicht betreten, und ich spürte ihre Aura am ganzen Körper. Martin und Marina sprachen auch über Ulay damals. Da fing es an, dass ich mich für die beiden interessierte.

Für mich war es ganz wichtig, nach Marina auch Ulay kennen zu lernen. Es hat mein Bild von Kunst, von Performances und vom Sein nachhaltig geprägt. Ulay, der was übrig hat für Numerologie, hat mir 2016 beim Dreh in Ljubljana noch meine Zukunft vorausgesagt. Seine Berechnungen hängen jetzt bei mir im Wohnzimmer an der Wand. Ich glaube, ich hatte da noch eine gute Zukunft.

Als ich 2016 von der Schirn Kunsthalle die Gelegenheit bekam, mit Ulay in Ljubljana ein Porträt zu drehen, ganz so wie ich es wollte, war das eine Freude und eine Bürde zugleich. Der große Ulay. Ulay machte es mir leicht. Er war so unfassbar freundlich, geduldig, offen. Und Lena, seine Frau, war cool, ständig um ihn herum, quirlig, lieb. Wir hatten echt Spaß an diesen beiden Tagen, aßen Bärensalami und Hirsch und Salat, tranken Kaffee.

Wenn Ihr den Ulay-Film geschaut habt, schaut Euch auch den Film über Martin an, in dem Marina porträtiert wird. Ihr braucht ein Passwort (password), wenn Ihr den Link öffnet.

https://vimeo.com/243801201

Ulay!

Heute morgen bekam ich von Matjaz, einem befreundeten Kameramann aus Ljubljana, die traurige Nachricht, dass Ulay gestorben ist. Ich traf ihn im Juli 2019 das letzte Mal zuhause in Ljubljana zusammen mit Lena, seiner Frau. Mit Ulay und Lena hatte ich einen der schönsten Drehs meines Lebens. Schaut Euch meinen Film an, den ich für die Schirn Kunsthalle gedreht habe.

Mount Fuji

Wenn man im richtigen Moment erwacht und dann diesen Ausblick hat: was für ein Glück kann man dann noch haben?

Drei hochoffiziöse Zollbeamte haben mich in Haneda mit Handy-Google-Übersetzer und einem japanischen Zollhandbuch ganz schön ins Schwitzen gebracht. Dabei hatten sie absolut recht. Ich bin auf dem Weg zum Eiheiji Tempel in Fukui, um dort mit dem Taikospieler Takuya Taniguchi eine Sequenz für meinen ARTE-Film zu drehen. Flug von Frankfurt nach Tokyo Haneda, dann weiter nach Komatsu! Alles prima, alles schön. Ich bringe mein eigenes Equipment mit, meine fantastische neue Kamera, und muss ein internationales Zolleinfuhrformular abstempeln lassen, das zuvor die Frankfurter Industrie- und Handelskammer, eine Zollbeamtin im Osthafen Frankfurt und mindestens vier deutsche Zollbeamte am Frankfurter Flughafen in der Hand hatten. Allein dieses Aufgebot an Personal lässt schon erahnen: wichtig!

Mein Carnet, so heisst das Formular, das aus grünen, gelben und weissen Seiten besteht, war ein bisschen falsch ausgefüllt. Das bemerkten die Beamten am Frankfurter Flughafen bereits und bereiteten mich sensibel vor, dass es in Haneda vielleicht eine kleine Irritation geben könnte. And so it was. Die junge Zollbeamte musste in ihrem dicken Buch nachschauen, um zu sehen, welche Farbe sie denn abzustempeln hat. Dazu holte sie einen älteren Kollegen per WalkiTalki, und ein anderer sehr smarter Kollege (handsome!) kam dazu. Der war der eigentliche Chef, wie sich dann herausstellte. Weil die Beamten kein Englisch und ich kein Japanisch konnte, hat er mit mir über Google Übersetzer kommuniziert. Das war ein Segen. Denn so weiss ich, dass ich unbedingt bei der Ausreise eine Visitenkarte vorzeigen soll und beim nächsten Mal das Carnet besser überprüfen möge. Hat er mir per Google Übersetzer mitteilen lassen. Fand ich gut, weil es wirklich geholfen hat!

Die Aktion war leider recht zeitaufwendig, so dass ich meine liebe Not hatte, das Terminal für die Domestic Flights zu erreichen. Man fährt dazu mit einem Bus etwa 20 Minuten über das Rollfeld, Brücken, Straßen und wird dann plötzlich irgendwo ausgespuckt und ist -magic- am richtigen Ort. Das ist nur schwer vorzustellen, und noch schwerer ist es, sich vorzustellen, wenn man vielleicht einmal einen Fehler gemacht hat und falsch ankommt. Dann kann man nicht improvisieren, sondern muss den gleichen Weg zurück und von vorn anfangen, also bisschen so wie beim Stricken: paar Reihen aufribbeln und nochmal machen.

In Komatsu angekommen lief jedenfalls alles prima. Die Taxifahrt vom Flughafen zum Hotel kostete exakt 12790Yen, so wie der Hotel-Concierge am Vortag per email prognostiziert hatte. Hach Japan!

Happy 2020!

Ein neues Jahrzehnt beginnt, nominell zumindest. Das alte ist gerade einmal neun Jahre alt, aber 2020 ist einfach so eine schöne Zahl, da rechnen wir die Null eben weg. 2020 ist eine perfekte Wendemarke für Neues. So schön glatt und gerade und symmetrisch – die kann man schonmal feiern. Das nachweihnachtliche Gegenlicht der Mole am Südstrand der Helgoländer Düne habe ich vor wenigen Tagen auch gefeiert, also wirklich, so mit Haut und Herz – auch weil man jahresendzeitlich Vieles hineingeheimnissen kann. Es bietet auf jeden Fall einen sehr schönen Ausblick, und den wünsche ich allen: auf Ihr und Euer 2020 – mit den herzlichsten guten Wünschen für das neue Jahr!

Flummi am Stick… quieetsch

Kürzlich war ich mal wieder auswärts unterwegs und hatte einen Termin in der Alhambra, also nicht in DER Alhambra in Granada, sondern in der von Genf. Ist schon bisschen was her, war aber mindblowing.

Die Alhambra in Genf ist ein sehr schönes Theater. Naja, was ist nicht schön in Genf? Diese Stadt wirkt mit ihrem aufgeräumten Zentrum so, als würde da jemand früh morgens mit dem Staubsauger durchgehen, damit ja kein Krümel rumliegt. Genf sieht reich aus, ist reich. Für meinen Geschmack ist zu viel Cashmere in Genf. Ich fühlte mich innerlich auch leicht verdreht, auf diesen gestaubsaugten Straßen am See nahe der grotesken Riesenfontäne am Beau Rivage vorbeizuschlendern, weil ich nicht nicht an Uwe Barschel denken konnte, an seinen grauen Anzug und das Wasser um ihn herum.

Das Beau Rivage lag auf unserem Weg vom Hotel zur Alhambra. Hier haben wir ein Konzert von Eklekto gefilmt. Das ist ein ziemlich abgefahrenes Schweizer Percussionsensemble. Im Prinzip eine Art Ensemble Modern, nur nicht so berühmt und eben nur für Percussionisten, keine Streicher, keine Bläser oder so. Eklekto macht verrückte Sachen, bei denen man nicht genau weiß, ob das Musik, Performance, soziale Installation oder vielleicht doch auch Gruppentherapie ist.

Das Konzert haben wir für den ARTE-Trommelfilm gedreht, und weil ich hier nichts verraten will, erzähle ich ein bisschen was über eine Musik, die wir so nicht im Film zeigen werden: Ensemble für Becken und Flummi von Rioyi Ikeda. Der Titel ist von mir ausgedacht, bzw. er paraphrasiert, was da los war. Weiß gar nicht, wie das Werk wirklich heißt. Auf jeden Fall kann ich nur sagen: wann immer man was von Ikeda sehen oder hören kann, dann sollte man das un-be-dingt tun.

Hier hatten die Flummis eine gewisse Hauptrolle, weil man mit ihnen sehr schön rumquietschen kann auf dem Metall. Wenn man den Flummi allerdings so beherrscht wie Alex Babel und seine Musiker*innen, kommen Klänge angeschwebt und durch die Luft geeiert, dass man gar nicht genug davon bekommen kann.

Bitte nicht selbst probieren!

Here comes the drum

Meine Schuhe sind jetzt Kunst. Hab‘ sie jedenfalls zu Kunst erklärt. Ein Readymade à la Duchamp. Ich werde sie nicht putzen, sondern die Zeit ihr Übriges tun lassen. Auch ganz à la Duchamp. Nach einem Dreh in Berlin waren meine Boots am Ende des Tages so gesprenkelt, meine Haare und mein Brille übrigens auch. Aber am schönsten sahen meine Schuhe aus. Und ich dachte mir so, die geben bestimmt guten Halt in den nächsten Wochen.

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Es sind diese Zeiten, in denen ich wie eine Fremde in meinem eigenen Körper herumstehe, denn wir drehen gerade wieder einen neuen Film. Dazu touren wir den November über durch Deutschland und Europa – Bernd, der Kameramann, Wolfgang, der Tonmann, und ich. Düsseldorf, Paris, Berlin, München, demnächst geht es noch nach Genf. Es ist nicht dieses unentwegte Unterwegssein. Das bringt einen ja bekanntlichh immer sehr zurück zu sich selbst. Es ist eher, dass alles so ratzfatz geht, dass der schwere Körper dem leichteren Geist nicht so schnell folgen kann und ich mich immer noch mehr einfinden möchte in die neuen Welten, auf die wir treffen, während mein Körper auf der Rückbank eines VW Busses fünf Stunden bei Wind und Wetter über die Autobahn geschüttelt wird. Wir hatten sogar schon Schnee!

Wir machen einen Film über Trommeln und erzählen außergewöhnliche Geschichten von Musikern, Instrumenten, Klängen, weil die Trommel absolut elektrisiert. Aber zu viel will ich gar nicht dazu sagen, nur: meine Schuhe haben Trommler bemalt. Nicht absichtlich, mehr so nebenbei. Sie malen mit Trommeln bzw. sie visualisieren über Farbe die Kraft ihres Schlags. Richtig gut, vor allem wenn man mitten im ohrenbetäubenden Wumms steht und im bunten Sprenkelregen hemmungslos baden kann, weils ja angeblich bei der nächsten Wäsche wieder rausgeht.

Die Trommel ist zwar nicht das älteste Instrument, das ist die Flöte, wie ich kürzlich im Athener Archäologischen Museum erfahren habe, aber die Trommel ist kulturell universell. Jede Kultur hat Trommeln, mit der die Leute Signale, also Botschaften, übertragen, Musik machen, Heilung vorantreiben. Die Trommel kann einfach sehr viel und das schon seit mehr als 2000 Jahren.

Die Idee des Films ist darum ein bisschen philosophisch, könnte man sagen. Wir wollen nicht nur so Geschichtchen erzählen, sondern gehen der Frage nach, warum uns die Trommel eigentlich so in den Bann zieht. Ist es der Schlag auf das Fell? Also fahren wir rum und fragen die Leute danach. In Düsseldorf trafen wir Wadokyo, ein fantastisches Taiko Ensemble. Und hier haben wir erst so richtig kapiert, was ein Schlag auf die große Odaiko bedeutet. Erzähl‘ ich dann im Film.

#heimatliebe! hr! Ein neuer Film!

Daniel Ernst Avid

Das ist Daniel Ernst. Auf einem Avid-Screenshot. Avid heißt die Software, mit der wir Filme schneiden im hr. Daniel Ernst ist einer der erfolgreichsten deutschen Instagramer. Nein, kein Selfie-Model. Daniel ist richtiger Fotograf, Outdoor-Fotograf. Er bereist die ganze Welt und macht Fotos von nahezu unerreichbaren Orten. Auf seiner Homepage hier geht’s zur Homepage von Daniel kann man seine Bilder anschauen. Auf Instagram hier geht’s zu Daniels Insta-Account ist man richtig nah dran – auf  Reisen oder auch im Taunus. Daniel kommt aus Hessen.

Daniel ist einer von drei Instagramern, die ich in diesem Sommer gefilmt habe für eine Dokumentation für den Hessischen Rundfunk. Mir ist nämlich aufgefallen, wie viele Fotografen sich auf Instagram tummeln, die die Welt fotografieren. Darunter sind extreme Spezialisten, nämlich solche, die sich eine Nische gesucht haben und diese nun ausleuchten bis in die kleinste, feinste Ecke. Diana Oft aus Idstein ist so eine Nischenfotografin. Sie fotografiert in Idstein Fachwerkhäuser. Und hat großen Erfolg damit. Hier geht’s zu Dianas Insta-Account

Und dann gibt es Fotografen, die dokumentieren akribrisch die Welt, in der sie leben: Städte, Regionen. Sie werden in Hessen mittlerweile überall eingeladen und bekommen als Instagramer exklusiven Zugang zu Museen, Parks, Gärten, Hotels etc. und großen Institutionen wie Banken, auf dass sie mal „schöne“ Fotos machen, die sie dann auf Instagram posten  – natürlich mit jeweiligem Hashtag desjenigen, der sie einlud. Also eine Form von Werbung. Oder jedenfalls irgendwas zwischen Werbung und Dokumentation und privatem Erlebnis. Paul Dylla ist so einer, der sehr viel in Frankfurt fotografiert und hier zu den populärsten Dokumentaristen zählt. Paul ist extrem gut vernetzt und kennt die besten Spots in der Stadt. Hier geht’s zu Pauls Insta-Account

Daniel, Diana und Paul sind wahnsinnig talentiert. Ihre Fotos sind mitunter  atemberaubend, weil man spürt, dass sie wirklich etwas gepackt hat: Fachwerkhäuser, Natur, Hochhäuser am Main. Sie zeigen die Orte, die sie lieben. Und ja, die Orte, die man liebt: das ist Heimat. Also dachte ich: Instagram bringt uns Heimat auf eine andere Weise nahe. Demokratisch – da ist jetzt keine Fotoredaktion mehr, die eine Auswahl trifft, und vielleicht gerade einmal drei Bilder veröffentlicht, weil nicht mehr Platz da ist. Nein, jede und jeder kann seine Bilder der Welt zeigen. Es gibt auf Instagram wenig qualitative und quantitative Beschränkung.  I guten wie im schlechten Sinne. Ich wollte also wissen, wie Instagram unser Heimatbild prägt. Das zeigt der Film. Nein, er porträtiert drei tolle Fotografen. Der Film #heimatliebe kommt am 5.11. um 21.00 Uhr im hr fernsehen. Hier geht’s zur Filmseite 

 

 

„Alles mit Links“ kommt! ARTE!

Es ist so weit! ARTE hat unseren Film über das Klavierspiel mit der linken Hand ins Programm gehoben. Das ist eine schöne Nachricht. Die Dokumentation läuft am Sonntag, dem 3.11, um 23.11.46 Uhr auf ARTE Deutschland, wie mir die zuständige Redakteurin heute schrieb. Im Programmdeutsch bedeutet das: um glatte 23.15 Uhr. Die Kollegin hat mir noch ein paar mehr Informationen geschickt. ARTE France sendet die Dokumentation auch am gleichen Sonntag, also dem 3.11., nur ein bisschen zeitversetzt um 23:46:46, also programmdeutsch um 23.55 Uhr. Und dann gibt es noch eine Wiederholung morgens um 5 Uhr am 8.11. und eine am 18.11. . Online ist der Film auch zu sehen, aber nur 7 Tage.

Unser Film erzählt eine sehr aufwühlende Geschichte über etwas, das man eher verbergen möchte. Weil man sich schämt, weil es mit einem Scheitern verbunden ist. Also, einem vermeintlichen Scheitern. Stellt Euch vor, Ihr wollt Pianist werden, seid Wunderkind, mega-begabt, Ihr übt seit Eurer Kindheit, und plötzlich, von heute auf morgen, macht eine Hand nicht mehr mit. Die streikt einfach, zittert, verkrampft. Nicht ein Mal, zwei Mal. Nein, die Hand muss nur in die Nähe einer Tastatur kommen und zeigt solche Symptome. Und jetzt? Erstmal mehr üben oder bisschen entspannen oder einfach ignorieren? Geht nicht, die Hand, ausgerechnet die „Gute“, also die rechte Hand, macht richtig Ärger, lässt sich nicht mehr kontrollieren. So sehr, dass nichts darüber hinwegtäuscht. Es ist keine Laune, es ist kein kurzer Moment, auch kein Formtief. Es ist ein Mysterium, das aus dem Nichts kommt und sich festsetzt im Körper des Menschen. Eine Reihe von Musiker*innen hat so etwas erlebt. Man kennt sie nicht, denn sie schweigen. Solche Geschichten passen nicht in die Hochleistungswelt der klassischen Musik, die perfekte Künstler*innen erwartet, in der gnadenlos abserviert wird, wer nicht richtig funktioniert.

Mein Film erzählt die Geschichte anders. Er zeigt, dass das Abweichen von der angeblichem Norm, hier das Klavierspielen mit nur einer Hand, neue, wunderschöne Welten öffnet. Was ist „normal“? Also, „normal“ in der Welt der Kunst, die die Welt der größten Freiheiten überhaupt ist. Mit zwei Händen Klavierspielen ist es jedenfalls nicht. Schaut!

 

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Der neue Tannhäuser feierte gestern abend bei den Bayreuther Festspielen Premiere. Regisseur Tobias Kratzer hat sich für sein Debüt am Grünen Hügel eine kurzweilige, intelligente und ziemlich ironische Geschichte ausgedacht, die oberflächlich par excellence die Liebesgeschichte von Tannhäuser erzählt, subkutan aber die Frage nach der ewigen Liebe mit der Frage über den Sinn und Stellenwert von Kunst verknüpft. Klingt kompliziert, gelingt ihm allerdings sehr sinnlich und unterhaltsam.

 

Diese Tannhäuser-Inszenierung wird optisch über zwei Figuren und einen Bus in Erinnerung bleiben. Da ist Manni Laudenbach, der den kleinwüchsigen, trommelnden Oskar Matzerath aus Grass‘ Roman „Die Blechtrommel“ nachmacht. Da ist Le Gateau Chocolat, die schwarze Dragqueen, mit ultralangen Klimperwimpern, einer gelben Tuffrobe, die affektiert durch die Gegend stöckelt und gute Laune macht als Paradiesvogel. Beide juckeln als Entourage einer ziemlich scharfen Venus in einem ziemlich markanten Citroen-Bus durch den Thüringer Wald. Ohne Geld, ohne Essen, bis sie einen Polizisten umfahren, der sich ihnen im Drive-Inn bei „Burger King“ in den Weg stellt, als die verrückte Anarcho-Truppe die Zeche prellen will. Zu diesen freakigen Revoluzzern, die Venus um sich schart, gehört auch Tannhäuser, der in einem Clownskostüm seine verrückte Seite hervorkehrt, obwohl er doch eigentlich ein ernstzunehmender Opernsänger ist. Diese Truppe nun sitzt sie in diesem rumpeligen markanten grün-grauen Wellblech-Citroen, ein Abbild des Busses, mit dem Marina Abramovic und Ulay einst fünf Jahre ihrer Liebesbeziehung durch Südeuropa gefahren sind, ohne Geld, ohne Essen, ohne Ziel. Die Liebe war das Ziel und ihre unsterbliche Performance-Kunst.

 

Die Liebe ist das Ziel, und die Kunst ist es auch: so wie Abramovic und Ulay in ihren Performances die Beziehung von Kunst und Liebe ausbuchstabiert haben, so zeigt Kratzer hier, dass die Frage, ob Hure (Venus) oder Heilige (Elisabeth) ebenso wie die Frage, ob Subkultur oder Hochkultur, am Ende immer nur mit einem entschiedenen „beides“ beantwortet werden kann. So wenig wie Tannhäuser ausschließlich mit der verrückten Venus glücklich wird, weil er sich nach der sanften Elisabeth sehnt, so wenig können wir mit reiner Hochkultur „überleben“, wir brauchen die Inspirationen von allen Seiten, wir brauchen die Freiheit im „Wollen, Thun und Geniessen“. So hat es schon Richard Wagner gefordert, und so bringt es die punkige Venus in ihren Plakat- und Handzettelaktionen auf die Bühne in Bayreuth. Und so ist es denn das Plädoyer von Tobias Kratzer in diesem Tannhäuser, der auch mit schöner Selbstironie daherkommt, indem er in leisen Anspielungen auf Stefan Baumgartners „Tannhäuser“, auf James Levine, Christian Thielemann, auf Schlingensiefs Parsifal, auf Castorfs „Ring“ am Ende den Grünen Hügel als Kulturtempel auf die Schippe nimmt.

 

Diese Venus ist das Zentrum dieser Tannhäuser-Geschichte. Um sie herum bastelt Tobias Kratzer seinen Tannhäuser-Kunst-und-Liebe-Kosmos mit Drohnenflügen über die Wartburg, Schwarz-Weiß-Filmen aus dem Backstage-Bereich, mit erfundenen Plots und Nebenschauplätzen wie etwa der Teichnummer in der Pause im Park vor dem Festspielhaus. Elena Zhidkova singt eine selbstbewusste, klangschöne, äußerst agile Venus, ohne Anstrengung, ohne Kraft. Die zierliche Sängerin gibt der Krawall-Venus eine große, beharrliche Stimme, schön und transparent. Lise Davidsen als Elisabeth ist ihr eine ebenbürtige Gegenspielerin, ebenfalls groß und vollmundig, mitunter hart da, wo es nötig ist, wie in der Hallenarie etwa, in der man schon an der Stimme erkennt, dass diese Frau hier gerade mal richtig sauer ist. Eine Entdeckung: Katharina Konradi als junger Hirte, die lange Zeit am Staatstheater Wiesbaden engagiert war und dort ihre ersten Schritte als Opernsängerin gemacht hat. Dirigent Valery Gergiev erwischte hingegen ein kalter Buh-Schauer. Zu ungenau, zu wenig inspiriert, zu klein und zu gestenlos war das, was er aus der Partitur machte. Die Akustik in Bayreuth ist gewöhnungsbedürftig, offenbar auch für Dirigenten.

 

Nach viel Spektakel mit einigen Lachern kommt das Ende der Oper rasant: Der Bus ist Schrott, Elisabeth tot, Le Gateau chocolat eine Werbeikone, Tannhäuser erscheint irgendwie geläutert und doch genervt. Oskar Matzerath sch… auf die Revolution. Keine Erlösung in Sicht. Weder in der Liebe noch in der Kunst. Gut so. Denn genau so ist es auch.