Alp Arslan

Der Titel ist rätselhaft. Man muss schon googlen, um zu kapieren, dass das der Name eines mittelalterlichen Sultans ist. Alp Arslan? Nie gehört.

In Gießen läuft jetzt die Uraufführung einer Oper, die den Titel dieses Sultans trägt. Wir waren zum Drehen in einer der Bühnenproben da und haben ganz fantastische Aufnahmen gemacht. Richard van Schoor hat die Oper komponiert. Es ist seine erste überhaupt. Ich kannte ihn nicht. Er ist in Südafrika geboren, lebt jetzt in der Schweiz. Anfang/Mitte 40, so würde ich ihn schätzen.

Die Oper erzählt in einer Art Requiem die Geschichte des jungen Prinzen Alp Arslan, der unerwartet in das Amt des Sultans geworfen wird. Er kämpft mit dieser neuen Rolle. Sie fällt ihm vor allem deshalb schwer, weil der Eunuch seines Vaters immer noch die Fäden des höfischen Lebens in der Hand halten will und mit allen Mitteln, vor allem homoerotischen Annäherungen, Einfluss auf den jungen Herrscher zu nehmen versucht. Es ist diese Männergeschichte, die diese Oper so toll macht. Es ist das geradezu gedichthaft geschriebene Libretto von Willem Bruls, das in knappester Form so viele historische und zeitgenössische Geschichten einkapselt, verwebt und am Ende als große Parabel auf den gegenwärtigen syrischen Krieg und das heute zerstörte Aleppo auf die Bühne stellt, die die Oper zu einem Meisterwerk macht. Und es ist diese Musik, atonal, düster, traurig, in die sich über arabische Vierteltöne und Polyrhythmen ganz subtil – sagen wir mal salopp – arabisches Kolorit einflicht. Klänge, die sich reiben an den immensen Intervallsprüngen der Gesangspartien und den großen Chorgesängen, die an orthodoxe Zeremonien erinnern.

Richard van Schoor hat unfassbar tolle Chorszenen geschrieben. Er kann so eindrucksvolle, berückende, monumentale Chorszenen schreiben! Die Intendantin Cathérine Miville inszeniert sie in eine statische kammermusikalische Szene hinein. Alles spielt auf einem Rondell, das das Zentrum von Aleppo darstellt, sobald Projektionen draufgeworfen werden. Die szenische Statik tut der Sache gut, sie unterstreicht den Requiemcharakter des Werks, sie lässt mir aber auch die Ruhe, mich ganz dem Gesang zu widmen. Man muss genau hinhören, damit man sich mitnehmen lassen kann. Der Counter des Eunuchen geht über drei Oktaven, die Partie des Alp ist zwar sehr disparat durch die riesigen Intervallsprünge, weil die seine Unreife und Zerrisenheit darstellen sollen, aber sie hat so einen unfassbar lyrischen Ton. Die Tonsprache charakterisiert die beiden Männer extrem präzise. Es macht Freude, die Figuren über ihren Gesang zu enträtseln. Es ist überhaupt eine große Freude, den beiden Sängern auch einfach nur so zuzuhören.

Gießen hat mit Alp Arslan einen großen Coup gelandet. Wirklich gut!

 

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Es hat ein bisschen länger gedauert mit diesem Projekt. Der Schnitt ist jetzt endlich abgeschlossen, bald gehen wir in die Farbkorrektur. Und wenn nichts dazwischenkommt, wird der Film am 23. Juni bei ARTE gesendet.

Ich habe einen Film über das Klavierspiel für die linke Hand gemacht. Irgendwie hat man schonmal davon gehört oder – wenn es hochkommt – das Klavierkonzert von Maurice Ravel gehört. Das hat er 1930 für den Wiener Pianisten Paul Wittgenstein geschrieben, nur für die linke Hand, denn Wittgenstein haben sie im 1. Weltkrieg den rechten Arm weggeschossen. Er war aber so besessen von der Idee, Pianist zu werden, dass er nur kurze Zeit nach seiner Rückkehr aus dem Krieg bei den großen Komponisten seiner Zeit Werke in Auftrag gab, die exakt auf ihn zu geschnitten waren. Also alle für die linke Hand. Und er hat sie sich tatsächlich in die Hand geschrieben, wie man unten sieht.

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Der Film widmet sich der Geschichte Wittgensteins und erzählt sie mit einer irritierenden Wendung bis heute weiter. Es gibt dieses fantastische Repertoire, das Wittgenstein in Auftrag gegeben hat. Und das ist so schwer zu spielen, dass die meisten  Pianisten einen großen Bogen darum machen. Nicht aber der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard. Der macht in unserem Film mit und spielt Ravels Klavierkonzert für die Linke Hand. Grandios.

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Die irritierende Wendung in dem Film ist: das Repertoire für linke Hand wird tatsächlich heute noch gebraucht – von Pianisten, die ein ähnliches Schicksal haben wie Wittgenstein. Und dieses Repertoire könnte noch viel populärer sein, wenn man ein Tabu brechen würde. Es gibt nämlich eine Reihe von Pianisten, die nur noch mit einer Hand spielen kann. Und zwar mit der linken Hand. Diese Musiker*innen sind auch verletzt, weil sie sich übertrainiert haben. Seltsamerweise spricht man nicht darüber. Aus Scham. Wie der Neurophysiologe Eckart Altenmüller weiß, gibt es eine ganze Reihe von Pianisten, denen – oftmals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere – plötzlich die linke Hand versagt. Immer die linke. Der amerikanische Pianist Leon Fleisher hat das erfahren müssen, der junge Schweizer Pianist Antoine Rebstein hat das auch erlebt. Ich erzähle ihre Geschichten und zeige mit dem Film, dass keiner der drei Pianisten an sich selbst gescheitert ist, wohl aber an den Ansprüchen, die von außen kommen. Denn nach wie vor gibt es das gängige Bild in den Köpfen: Klavier spielt man mit zwei Händen. Klavierspiel mit einer Hand scheint für viele irgendwie nicht ganz komplett zu sein.

Ich glaube, dass das nicht stimmt. Darum erzähle ich mit dem Film drei Erfolgsgeschichten. Denn niemals hätten wir so etwas Schönes wie die Klaviermusik für die linke Hand bekommen, wenn diese drei Männer ihr Schicksal nicht so mutig und anmutig in die Hand genommen hätten.

 

 

 

It must schwing

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Am liebsten sind mir Filme über ein Abstraktum, also über etwas, für das es keinen physischen Repräsentanten gibt, etwas, bei dem die Referenz (um einmal mit dem großen amerikanischen Sprachphilosophen Willard van Orman Quine zu sprechen) „opak“ ist. Sagen wir mal, so was wie „Empathie“ oder so was wie „liberal“.

Der Filmemacher Eric Friedler hat nun einen Film über ein Plattenlabel gemacht, das zwar physisch irgendwie repräsentiert ist in Form seiner Platten, aber genau genommen sind diese Platten ja auch nicht das „Label“, sie sind nicht die Firma, nicht der Geist, die Seele, die hinter den Platten stehen,  die sie hervorbringt, umschwingt, wie auch immer. Eric Friedler hat sich mit „Blue Note Records“ beschäftigt. Es ist das Label für Jazz. Aha, er hat also einen Musikfilm gemacht, könnte man meinen. Nee, eben nicht. Friedlers Film erzählt eine Geschichte, die eine recht ungeahnte Wendung nimmt, die mir wiederum extrem sympathisch ist. Es geht natürlich um Musik in dem Film, um erstklassigen Jazz, den es ohne Blue Note Records wohl in dieser Prominenz gar nicht gegeben hätte. Es geht aber vor allem um die gesellschaftliche Kraft von Musik, die ja als absolute Sprache keine Agenda, keine Intention haben kann, aber die eine Energie, eine Kraft hat, die mitunter größer ist als Worte.

Friedlers Film läuft am 9.12. in der ARD (spät), ab dann in der Mediathek. Heute gibt es in „ttt“ einen kleinen Beitrag von mir, in dem ich versucht habe, diesen wahrlich inhaltlich enzyklopädischen, formal absolut elegant gemachten Film, auf einen Punkt zu bringen, der mir am wichtigsten war. „ttt“ kommt um 23.05 Uhr. „It must schwing“ gleich im Anschluss. In der ARD.

 

 

 

ARTE hat den Blockflötenfilm gesendet – am Wochenende bei Nacht und Nebel. Aber weil das Zielpublikum sowieso lieber online anklickt, als linear zu schauen, hat ARTE die Online-Verfügbarkeit (so heißt das) auf 90 Tage verlängert. Hier kann man ihn sehen.

https://www.arte.tv/de/videos/069865-000-A/die-blockfloete-ein-comeback/

Der Film wird in den nächsten Wochen auch noch im TV gezeigt in den 3. Programmen der ARD.

Derweil arbeiten wir an der nächsten Produktion über Paul Wittgenstein und das Klavier für die linke Hand. Demnächst mehr dazu.

 

John Eliot zum 75.

Wenn Ihr tolle Sachen über den Dirigenten John Eliot Gardiner erfahren wollt, hört Euch das an. Er kann fantastisch erzählen. Heute in hr2 kultur um 20.04 Uhr.

https://www.hr2.de/musik/konzertsaal–john-eliot-gardiner—der-sanfte-revolutionaer,id-konzertsaal-672.html

John Eliot und seine Kimberly

Ich sitze bei John Eliot im Pick-up. Bei John Eliot Gardiner, dem John Eliot Gardiner. Er fährt mich auf seine Farm in Südengland. Der Mann, dessen erste Johannespassion mich wer weiss wie oft schon im Leben gerettet hat, fährt mich tatsächlich in seiner tief röhrenden Chaise samt schlammverkrusteten Sitzen über holprige Wege, auf denen versonnen Fasane spazieren, vorbei an den Wäldern, die sein Vater pflanzte, durch die Hügel, auf denen seine Schafe weiden, direkt auf seine Biofarm. Zu seinen Rindern und zu Kimberly. Sir John Eliot Gardiner, den ich seit 30 Jahren als einen der elegantesten, klügsten und distinguiertesten Dirigenten kennen gelernt habe und tatsächlich verehre, trägt Gummistiefel, Seemannstroyer und eine Jacke, in der er eine Handvoll Salz versteckt hält.

Für Kimberly, eine Kuh, die John Eliot gut zu kennen scheint, denn als eine der ersten prischt sie vor an den Zaun, als sie ihn sieht. Kimberly! Sie ist eines von 100 Aubrac Rindern, die John Eliot vor Jahrzehnten aus Frankreich importiert hat. Nun hat er eine kleine Zucht. Die Rinder stehen in einem luftigen Stall, eines der Kälbchen ist ausgebüxt und tänzelt um uns herum. Niemand ist beunruhigt, anscheinend, hier sind alle sehr relaxed, vor allem die sanftmütigen Kühe mit den hübschen Augen und wundervollen Wimpern (und freakigen Ponytail-Frisuren)… eine schöner als die andere. Mittendrin John Eliot, die Kühe schlecken seine Hand ab, um auch das letzte Fitzelchen Salz zu ergattern, alles ist glitschig, seifig, Jackenärmel, Hand, und ich denke nur: Oh Gott, das sind doch Matthäuspassion-Dirigentenhände. Nö, sie gehören eben auch Kimberly ab und zu.

Wir sind zum Drehen ins britische Dorset gekommen, John Eliot wird am 20. April 75 Jahre alt. Und ich finde, man kann den Menschen nicht oft genug sagen, wie groß die Kunst ist, die er macht. In Dorset steht sein Elternhaus, in Dorset steht sein Haus, in dem er jetzt lebt, in Dorset steht seine Farm. Dorset ist überhaupt eine Welt, von der man nicht glauben würde, dass hier einer der berühmtesten Dirigenten der Welt lebt und arbeitet.

Dass ich einmal hierher kommen würde, um ein Portrait über John Eliot Gardiner zu machen, hätte ich nie gedacht, auch weil ich nicht wußte, dass diese Sache mit dem „Biofarming“ tatsächlich ernst gemeint ist. Ist sie aber, und wie! Das ist kein Hobby, das ist eine Lebenseinstellung, das ist eine Haltung, die dem Denker, dem Intellektuellen, dem Musiker Gardiner von Kindheit an mitgegeben wurde, aus der er vielleicht sogar seine ganze Kunst speist. Klingt bisschen kitschig, aber der Zirkel des Lebens, das Elementare, das Reelle, das Wahrhaftige seiner Kunst, die einem tatsächlich nie ein X für ein U vormacht, kommt vielleicht von genau hier. Direkt aus Dorset.

Wir machen ein langes Interview in seiner Bibliothek.

Matthew und Marwan, meine Crew aus London, finden die schönsten Bilder. Ich rede über eine Stunde mit John Eliot, er erzählt von seiner Mutter, von Bach, von Monteverdi, von den Prinzipien seiner Kunst. Immer wieder kommt die Sprache auf seine Mutter, die ein wahres Genie gewesen sein muss, die den Jungen an die Kunst heranführte, die ihm den ersten Musikunterricht gab.

Es ist wahnsinnig, wie sich innerhalb von wenigen Momenten mein Bild von ihm ändert. Ich habe seine Platten gehört, Konzerte, immer wieder seine CDs, aber ich bin fest davon überzeugt, dass man alles das erst dann versteht, wenn man das ganze Bild kennt, wenn man das hier gesehen hat.

Tournemire im Lichtgitter

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Wenn man aus St. Katharinen an der Hauptwache rausgeht, weht einem noch im Kirchenraum Dönergeruch in die Nase. Wenn man in St. Katharinen reingeht, dann hört man meistens Martin Lücker, diesen genialen Orgelvirtuosen. Lücker bespielt diesen unwirtlichen Hauptwache-Kirchenort so unbeirrt und konsequent mit seiner Orgelmusik, dass man nur glücklich sein kann, ihn so häufig zu hören. St. Katharinen ist eine Trutzburg für Ruhesuchende. Geht hinter einem die schwere Tür zu, ist man komplett weg. Lückers Orgelspiel hilft immens dabei. Man kann gefühlsduselig wegsegeln damit, aber Lückers Repertoirewahl und sein untrüglicher Geschmack für gute Musik triggern einen intellektuell tatsächlich so, dass man sich selten nur auf eine sentimentale Reise begibt. Gut so.

Jetzt spielt Lücker für mehrere Wochen, in der Passionszeit, Musik von Charles Tournemire, einem französischen Organisten, der bei César Franck studiert hat, bei Widor – ehrlich gesagt: meine Orgel-Helden – von Bach, Reger, Buxtehude mal abgesehen. Dieser Charles Tournemire schreibt eine Musik, so jenseits der konventionellen Harmonien seiner Zeit, so jenseits der Moden, dass es einem schier den Atem raubt. Er hat vor allem die Langsamkeit für sich entdeckt. Akkordflächen könnte man meinen – mit Schweller in die Weite des Raumes geschickt. Nein, Martin Lücker spielt selbst das Langsame mit einem schlagenden Puls, dem eines Meditierenden allerdings, der drei Mal pro Minute atmet.

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Diese Tournemire-Geschichte kommt nicht von ungefähr. Die Katharinenkirche hat sie sich als ihren Beitrag zur Luminale 2018 in Frankfurt ausgedacht. Seit gestern gibt es die großartige, analog erzeugte Lichtinstallation von Victoria Cöln in St. Katharinen, ein Gitter aus mit Licht gezeichneten Linien, polyphone Verflechtungen, Teile einer Dornenkrone (da ist Blut dazwischen, das Rote) oder einfach nur ein Gewirr aus Bleiruten, ein Zitat aus den traditionellen Bleiglasfenstern – charakteristisch auch für St. Katharinen. Die Lichtlinienmatrix, die das Kirchenschiff überzieht, ist gewaltig. Wenn Lücker, und das wird an ausgewählten Tagen jetzt in der Passionszeit geschehen, dazu eben diese Musik von Charles Tournemire spielt, die „Sieben Worte Christi am Kreuz“, op 67, dann bebt das Gitter, pulsiert und changiert es. Meint man jedenfalls. Alles reine Phantasmagorie, die Installation ist statisch.

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Wer die Installation sieht, kommt nicht darauf, wie sie gemacht ist. Alles ist analog, sogar die Präsentation läuft ohne digitalen Schnickschnack, kein Beamer, kein Video. Ich will die Arbeit hier auch gar nicht entzaubern, aber zu schön erschien mir der kleine Arbeitstisch, den sich die Künstlerin oben auf der Empore neben der Orgel von Lücker aufgebaut hat, als dass ich nicht ein, zwei Fotos machen wollte. Victoria Cöln arbeitet mit Linsen, die sie zerkratzt, sie ahmt eigentlich das Linsenprinzip einer Foto-Optik nach, manipuliert die Gläser, setzt sie dann hintereinander.

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Durch die Manipulationen und Überlagerungen entstehen auch Prismeneffekte, Regenbogenfarben. Mitunter kitschig, aber in der gigantischen Größe: mega!

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Am 18. März eröffnet die Luminale in Frankfurt. Es gibt an dem Sonntag eine kleine Geschichte in der Kirche. Martin Lücker und Victoria Cöln sprechen über ihre gemeinsame Arbeit. Ich denke mir Fragen für die beiden aus. 18. März, 18.00 Uhr, St. Katharinen, Frankfurt. Genau zur blauen Stunde.

Mojca, Mahler und Maroni

Das hr-Sinfonieorchester ist ja bekannt und berühmt für seinen Mahler-Klang. Der fulminante Ruf kommt noch aus der Zeit von Dean Dixon, und ich erinnere mich selbst auch sehr gut an eine bombastische Tournee durch Japan mit Paavo – 11 Städte, glaube ich, in 11 Tagen – auf der „wir“ Mahlers Sinfonie der 1000 gemacht haben. Bombastisch, weil das japanische Publikum komplett von den Socken war. Die wussten nämlich von dem Ruf und kamen in Scharen. Wirklich ausverkauft, alles. Naja, gut, es war am Ende nicht wirklich die Sinfonie der 1000, denn eine Grippe hatte die Hälfte des Orchesters ans Bett gefesselt. Ich erinnere mich darum auch noch sehr gut an dramatische Flüge im Schneetreiben mit wackeligen Propellermaschinen auf rutschigen Landebahnen, das Flugzeug: mehr Krankenlager.

Und nun gab es diesen schönen Abend mit Mojca Erdmann und Mahler 4. Das Orchester probte in der Stadthalle Oberursel, die wegen ihrer Akustik eine echte Aufgabe für eine Mahler-Sängerin darstellt. Gibt es einen trockeneren Raum? Eine Sängerin muss getragen werden vom Mahler-Klang. Doch jede Form von Schwingung wird hier schier weggeschluckt, weggefressen. Das ist nicht so schlecht, vielmehr eine große Übung. Stimme und Orchester mischen sich eben nicht so, wie man es eigentlich gewohnt ist bei Mahler, also muss man sehr genau sein, sehr intonationssicher und das Klangvolumen genau dimensionieren. In solchen Akustiken ist das Orchester einfach immer zu laut. Auf jeden Fall habe ich Mojca dann nach der Probe mal schnell in meinem Auto in den hr mitgenommen, denn wir wollten dort noch einen Doppelkopf für hr2 Kultur aufnehmen. Wir waren spät dran, darum spielte ich Chauffeuse. Die Studiozeit war schon angebrochen. Die Autofahrt war aber wirklich nett, wir sprachen über ihre neuen Projekte, über die Liebe, über Maroni, die sie in Zürich jetzt im Winter so gerne ißt, weil man sie überall auf den Straßen kaufen kann, über das Singen sowieso.

Mojca Erdmann, die Perfektionistin, ist Überraschungsgast im „Doppelkopf“ in hr2 Kultur am 31.1.2018, 12.05 Uhr und 23.05 Uhr. Lohnt sich.

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Brigitte Fassbaender hat mal wieder Hand angelegt. An der Oper Frankfurt. Das dritte Mal hat sie hier ein Stück inszeniert. Bernd Loebe bietet der Grand Old Dame des Liedes seit einigen Jahren eine große Bühne. Das ist super. Zum zweiten Mal macht sie hier Richard Strauss. Capriccio. Und als wärs irgendwie Absicht, hat Intendant Bernd Loebe ihr drei Mal Werke anvertraut, die das Opernmachen selbst thematisieren. Same same also. Bei Strauss‘ Ariadne auf Naxos ging es um ein Spiel im Spiel, bei Brittens Paul Bunyan auch irgendwie. Und hier nun bei Strauss‘ Capriccio hatte sie es sozusagen mit einer selbstreferentiellen Spiel-im-Spiel-Schleife zu tun. Es gibt ein Spiel im Spiel, das wiederum eine Spiel im Spiel ersinnt. Man überlegt auf einer Opernbühne in einem inszenierten Spektakel, was eigentlich eine gute Oper ausmacht. Meta-Ebenen-Gewurschtel at its best.

Tja, was denn eigentlich? Text oder Musik? Teaming natürlich. Und starke Frauen. Zumindest, wenn sie wie im Falle von Capriccio von einer starken Frau als starke Frauen inszeniert sind. Bernd Loebe hat dazu Bayreuther Stimme auf die Bühne geholt. Camilla Nylund als Gräfin Madeleine kann diese Partie stante pede singen. Für ihren ersten Ton in der zweiten Szene musste sie (gefühlt) nicht mal einatmen. „Der Strom der Töne trug mich fort“ sind ihre ersten Worte auf einem zwei gestrichenen f . Wie wahr, wie wahr. In der riesigen Schlussszene singt sie nach zwei Stunden immer noch frisch, klar, durchsichtig und mit einer charmanten Helligkeit. Das klingt bemerkenswert jung, schön, ja schön, klangschön. Tanja Ariane Baumgartner, mit der ich übrigens in den nächsten Wochen einen Doppelkopf für hr2 aufnehme, singt die Schauspielerin Clairon: arrogant, eine Bitch (pardon), aber mit Grandezza. Es ist irre, wie groß diese Frau wird, sobald sie eine Bühne betritt – dabei ist sie echt zierlich. Aber ihre Fricka in Bayreuth zum Beispiel ist königingleich. Sie singt die Fricka auch in Chicago gerade. Man sollte hinfahren.

Brigitte Fassbaender liebt ja das theatralische Theater. Sie hat sich von Johannes Leiacker ein bombastisches Theatersymbol bauen lassen: diesen schweren roten, goldenen Samtvorhang, behangen mit Quasten. Der ist allerdings gemalt und sieht täuschend echt aus. Ein Prospekt also nur, eine Art trompe l’oiel. Ich habe noch nie so viele Smartphone blitzen sehen wie gestern abend, Minuten vor dem Beginn der Oper, weil alle diesen falschen Vorhang fotografiert haben. Hier schon spielt Frau Fassbaender mit dem selbstreferentiellen Paradoxon. Ihre größtes talent ist aber das Geschichtenerzähler. Was ist sie doch für eine fantastische Geschichtenerzählerin! Sie zeichnet Figuren so genau, baut Sidestories, wie die mit dem kleinen Jungen, mit den lauernden Pagen und dem ehrgeizig depperten Dichter Olivier, der eine Gräserallergie angedichtet bekommt. Das alles formuliert sie so dezent und dabei doch so markant aus, dass man immer wieder das Auge auf diese Erzählstränge richtet. Vor allem anderen ist der Abend allerdings echt klasse gesungen. In den Oktetten habe ich zwar den Überblick verloren, nun, die sind ja auch extra so komponiert. Aber dann ist da vorher noch diese Kuchennummer. Das Oktett mampft Kuchen. Käsekuchen. Und mit diesem Glitsch im Mund singen die dann das Streit-Oktett. Das ist wirklich hohe, hohe Kunst.

 

Fast fertig … 

Wir liegen in den letzten Zügen für den Filmschnitt unseres Blockflötenfilms, Maurice, also Cutter-Maurice, und ich. Es hat ein bisschen länger gedauert, weil wir zwischenzeitlich mal wegen Krankheit unterbrechen mussten, aber das hat dem Film eigentlich ganz gut getan. Heute kam jedenfalls eine Kollegin in den Schnitt. Und wir zeigten ihr einmal den Filmanfang. Die ersten Sekunden. Juchu, unsere Erstseherin! Wir waren voll nervös. Und sie hat sich bei der ersten Einstellung schon so vorgebeugt, die Augen geschärft, verschränkte Arme, kein Ton … dann kam die Musik, Wolfram hat auch wieder so eine megalomane Themenmusik komponiert …

Und dabei scherzen ja immer noch alle, wenn ich von diesem Projekt erzähle. Haha, ein Film über die Blockflöte! Leute, nach dem Film wird das hoffentlich aufhören. Maurice, unser Protagonist, kommt jedenfalls supersympathisch rüber, wir haben aus der Fülle des Materials wirklich die schönsten Sachen heraussuchen können. Und ich hatte selbst auch schon wieder vergessen, was für besondere, wirklich „nerdige“ Sachen wir gefilmt haben. Allein die Episode aus Taiwan: mega! Die Leute sind einfach so fantastisch, Yungtai, aber auch die Truppe um Meng Heng. Morgen werden wir die Montage wohl fertig bekommen, dann machen wir noch ein paar Tage Feinschliff. Dann Texten, Synchro, Postproduktion. Ende des Monats geht der Film an arte. Ich bin echt gespannt. Hoffentlich muss sich keiner im Grab umdrehen. Die Blockflöten-Gemeinde ist ja eine strenge Zunft. Unser Film ist aber nicht so streng. Mit Absicht.