Am Ende stehen wieder nur alle rum und kucken aufs Handy. Daniel hat ein UBER bestellt, an den letzten Ort der Welt. Irgendwo draußen vor Athen. Die Akropolis liegt zur linken Hand ganz klein. Die Sonne geht gleich unter, und sie müssen vor 18 Uhr beim Antiquitätenhändler ihres Vertrauens sein, um die vier Säcke abzuliefern, die sie heute vollgesammelt haben. Mit Müll, so hätte ich das noch vor drei Stunden genannt oder „Fundstücke“, schließlich sind wir ja im Bereich der Kunst. Und da sind Fundstücke ja eine künstlerische Kategorie.

Eigentlich sind es aber nur alte, kaputte Sachen. Daniel kann wirklich alles gebrauchen, es muss nur dünn sein, eine deutliche, strukturierte Oberfläche haben und auch eine kleine Geschichte in sich tragen. Ein Stück Eisendraht etwa: wie eine Zeichnung auf Papier, ein Kohlestrich, sagt er. Ein paar leere Tablettenblister starker Psychopharmaka: die sind für Menschen mit bipolarer Störung, aber hier findet man so viele – die Leute nehmen die anscheinend freiwillig. Oder eine plattgewalzte Barbie, die Hüfte zerbrochen, die Beine verdreht: der hat man viel Gewalt angetan, meint er, aber ihre Haare sind perfekt. Noch nie habe ich jemanden so liebevoll über Müll sprechen gehört. Daniel sieht in allem eine Schönheit, weil er sich die Menschen dazu denkt, die die Sachen einmal benutzt haben. Er sei halt verträumt, meint er.

„Wertfreie Gegenstände“ nennt Daniel Knorr alles das Zeugs, das Menschen hier weggeschmissen, vergessen oder nicht mehr gebraucht haben. Und seine Begeisterung für alles das ist überhaupt nicht ironisch. Er hat jetzt 80 Säcke voller Fitzelkram, den er in 1000 Bücher pressen will. Keine exklusiven Dinge, keine Premiumfunde von Wert, wie er alle die anderen Sachen nennt, die ihn nicht interessieren, weil sie ihre Botschaft oder ihre Kostbarkeit zu offensichtlich nach außen tragen. Diese Sachen hier sind auf den ersten Blick unscheinbar und zeigen genau darum das echte Gesicht einer Gesellschaft. Sie sind perfekt für Daniels „Archäologie der Gegenwart“. Denn ihre Geschichten sind schon jetzt so verborgen und verschüttet wie die alten Scherben aus der Antike.

 

Adam Szymczyk

In Athen geht der Winter zu Ende. Seit vier Monaten drehe ich die Doku über die d14, und jetzt im letzten Drittel der Produktion, so denke ich, wird es Zeit für das Gespräch mit Adam Szymczyk. Je mehr Arbeiten ich kennen gelernt habe durch die Künstlerinnen und Künstler, die ich in den vergangenen Wochen begleitet habe, desto größer wurde mein Respekt vor Szymzcyk. Ich bin tief beeindruckt von seinem Wissen und seinem Gespür für die Dinge, die in der Luft liegen, die uns betreffen. Ich bin tief beeindruckt von seinem guten Geschmack, und ich bin tief beeindruckt von dem Mut, den er hat. Alles das, ohne ihn je getroffen zu haben.

Mit ihm zu sprechen, macht Spaß, weil er so viel weiß, sich in Einzelheiten zu verlieren scheint, die er nach einiger Zeit zu überraschenden Pointen zusammenführt. Und weil er so klare Positionen hat, die er schon vor langer Zeit für sich deutlich ausformuliert haben muss. Keine Doktrinen, auch keine selbstreferentiellen Beschreibungen, eher Grundsätze, Arbeitshypothesen für diese Welt, mit denen er uns zeigt, wie wir die Blicke und Erkenntnisse über uns und die Welt erweitern können. Es gibt eine Welt für diesen Adam Szymczyk, die sich ohne Worte, aber durch Kunst vermitteln lässt. So klar und deutlich, dass Worte obsolet sind. Wie das geht, sieht man auf der d14.

Peja

Das ist Lala. Künstlerin aus Leicester. Eigentlich Albanerin aus dem Kosovo. Seit sie sieben Jahre alt ist, lebt sie in England. Mit Lala habe ich einige Tage im Kosovo verbracht. Wir kannten uns nicht. Als sie mich an einem Samstag im November mit ihrem Kumpel Nassr vom Flughafen in Pristina abholte, wusste ich nicht, was auf mich zukommen würde. Wir hatten nur einen Termin zum Drehen ausgemacht. Sehr kurzfristig, eine Woche vorher. Lala fotographiert Heuhaufen. Heuhaufen im Kosovo. Das macht sie schon seit den 80er Jahren. Wie sie mir kürzlich sagte, hat sie mittlerweile etwa 4000 Fotos von allen möglichen Heuhaufen in ihrem Portefolio. Keine Bilder von Heuhaufen, wie wir sie kennen, also diese gepressten Rollen, sondern kunstvolle Skulpturen aus gelbem, getrocknetem Gras, menschenähnliche Wesen, Monster aus verdorrten Halmen. Als ich davon hörte, dachte ich, Lala spinnt. Heuhaufen.

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Kaum war ich in Pristina angekommen, ging unsere Reise los. Nassr fuhr uns durch den ganzen Kosovo: von oben nach unten, von links nach rechts. Wir hielten irgendwo. Wann immer einer von uns einen Heuhaufen sah, machte Nassr Halt. Lala nahm ihre Kamera, ich meine. Und wir machten Bilder von Heuhaufen.

Das ging jeden Tag so, bis wir einmal abkamen von der Spur. Um Arif zu treffen. Arif ist Steuerberater. Er hatte nichts mit Heuhaufen zu tun. Und das irritierte mich. Auch dass ich meine Kamera nicht mitnehmen sollte, als wir aus Nassrs Auto ausstiegen. Also tranken wir Kaffee in Peja. Nassr, Lala, Arif und ich. Arif war tief gerührt, Lala zu sehen. Es war, als brächte sie ihm etwas, das lange, lange zugedeckt war.

Wir fuhren auf ein matschiges Feld, eine Müllkippe, und Lala und Arif waren tief in ihren Erinnerungen, die auf diesem Platz spielten zu Beginn der 90er Jahre. Ich glaube, Arif weinte ein bisschen. Und Lala brachte ihm Stück für Stück einen Teil seines Lebens zurück, in Bildern, die sie damals gemacht hatte, als sie auf der Suche war nach Heuhaufen und plötzlich Arif fand und die anderen. Hier auf diesem Feld haben sie sich einst versöhnt, die Mörder und ihre Opfer, die Verfechter der Blutfehde, die einander killten – Auge um Auge, Blut für Blut. Hier trafen sie sich zu Tausenden, in Massen, um einander zu verzeihen, Versöhnung zu feiern – unter Zeugen, per Handschlag, für jetzt und alle Ewigkeit, um dem sinnlosen Blutvergießen ein Ende zu bereiten.

Arif war dabei damals.

Beyrouth

Ich war kürzlich in Beyrouth. Beruflich. Gleich zu Beginn des Jahres. Eigentlich in einer Zeit, in der man gerne für sich ist – Zwischendenjahren. Aber es ließ sich nicht anders machen. Ich wollte Mounira treffen, eine Künstlerin. Ich hatte schon etwas Angst vor der Reise, die ich mir aber nicht anmerken lassen wollte, denn schließlich kam ich nur zu Besuch. Mounira aber lebte dort ihr Leben mit ihrer kleinen Tochter und ihrem Mann Fahdi, einem Schriftsteller.
Mounira kenne ich aus Athen. Dort haben wir zusammen eine Flüchtlingseinrichtung für Frauen besucht, verbrachten zwei Tage miteinander. Danach trafen wir uns im Benaki Museum und haben geweint. Weil wir die Geschichten, die wir Tage zuvor gehört hatten, nicht ertragen konnten. Seitdem fühlen wir uns irgendwie verbunden. Seitdem mögen wir das Benaki Museum noch mehr.

 

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Mounira ist viel jünger als ich, couragierter, extrem politisch, und sie macht sehr poetische Kunst. Sie zeichnet, porträtiert Menschen auf gelben Notizblöcken, notiert ihre Geschichten und macht daraus gestickte Collagen. Jeder Nadelstich ein weiterer Schritt auf dem Lebensweg, schrieb sie mal. Klingt kitschig, aber kitschig ist ihre Kunst nicht.

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Mit Mounira habe ich fünf Tage in Beyrouth verbracht, wir liefen durch die Stadt, aßen zusammen, tranken Bier „Mexican Style“ mit Salz und Zitrone, ich habe sie gefilmt, wie sie an ihren Kunstwerken arbeitet, sie erzählte mir ihre Pläne für jetzt und später. Mounira kennt jeden Winkel Beyrouths, weiß zu allem eine Geschichte, manchmal sind es nur Tote, an die sie sich erinnert. Sie berichtet davon, wie sie sich einmal mit ihrer Mutter in einem Hauseingang versteckte, um dem Scharmützel der Scharfschützen zu entgehen. Als wäre es immer noch Alltag. Die Einschusslöcher an den Fassaden der Häuser, vor denen ich nicht stehen bleiben darf, weil Militär darin residiert, wirken so frisch wie Mouniras Erinnerungen.

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Dass sie nach Aleppo zum Einkaufen fuhren, wie ihr Vater die Behindertenschule aufgebaut hat, wie sie an der Corniche jeden Tag zum Baden kamen, dort schwammen –  in diesem unfassbar brodelnden Strudel. Mounira kann echt gut erzählen.