Ein Opernlibretto, in dem die Wörter „Jungfernhäutchen“, „bescheuert“ und „ficken“ vorkommen zu einer Musik von 1906 und einer Geschichte von 1724 könnte dem einen, der anderen oder they/them vielleicht ein wenig zu muss-das-denn-wirklich-sein vorkommen, und ein Großteil des Frankfurter Premierenpublikums hat es denn ja auch am Premierenabend mit abgespreiztem kleinen Finger erwartungsgemäß schön abgebuht, – geschenkt, denn über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, und geschmacklos war das allemal! – aber eben darum war es ja auch so gut und so neu und so meta und mal endlich nicht so hohl wie so mancher alte Text, der auf den Opernbühnen weltweit seit Jahrhunderten unverändert labberig weggesungen werden muss, obwohl kein Mensch mehr so spricht, die Wörter vor Staub kleben und nicht selten unfreiwillig komisch klingen. Kurzum: Librettist Martin G. Berger hat mit seiner neuen Übersetzung des Librettos von Carl Nielsens Oper „Maskerade“ großes Wörterkino veranstaltet.

Ich erzähle die Geschichte von vorn. Die oper frankfurt setzt Carl Nielsens Oper „Maskerade“ aufs Programm. In Dänemark gilt das Werk als Nationaloper – sosehr, dass sogar die Schwester der dänischen Königin zur Premiere nach Frankfurt reist, sich in einem royalroten Kleid in Reihe 4 setzt und distinguiert das frivole Ende der neuen deutschen Version beklatscht. Eigentlich wird diese Oper über Dänemarks Grenzen hinaus höflich wegignoriert. Komisch, denn Carl Nielsen kann tolle Sinfonien schreiben, sein Violinkonzert ist cool, Motiv genug, um das Werk für Frankfurt aus der deutschen Opern-Mottenkiste zu holen. Der Coup glückt, weil man sich eine deutsche Neuübersetzung gönnt, und Martin G. Berger, diesen schmerzbefreiten Übersetzer.

Martin G. Berger ist kein Boomer, sondern Jahrgang 1987, also aufgewachsen in der Sprachbubble der Böhmermanntexte mit all ihren Meta-Meta-Meta-Ebenen, den ungenierten ficki-ficki-Pimmel-Witzen, altklugen Twitter-Aphorismen, One-Linern in 140 Zeichen, unverständlichen Memes und Untenrum-Kalauern und überhaupt mit einer Sprachgewandtheit, die oberflächlich verführerisch blitzt und funkelt, aber auch nach hinten raus noch einiges Nachdenkpotential nachkartet. Martin G. Berger hat Carl Nielsens Oper „Maskerade“ (1905/06) exklusiv für die oper frankfurt neu übersetzt oder sagen wir mal so: er hat die kunstvolle dänische Wörterwelt des Librettisten Vilhelm Andersen irgendwie mit deutschem Übersetzerfeenstaub besprüht und ein Sprachkunstwerk gezaubert, das dem Original treu die Hand halten will. Vilhelm Andersen soll, so berichtet der Frankfurter Opernhaus-Dramaturg Kuhn, die Maskeraden-Geschichte durch ziemlich viele Endreime mehr oder weniger geschickt zusammen geknotet haben. Martin G. Berger bastelt nun daraus ganze Endreim-Kaskaden, die über 10-15 Verse laufen und mit Vorliebe ausgerechnet die beknacktesten Silben semantisch magnetisch zusammenklicken lassen. … Oh Röschen, mein Duft-Döschen. Kann ich an Dein Höschen? … Aber besser noch als die öschen-Trias ist die ett-Kaskade aus adrett-Falsett-unkomplett-hätt‘-Klett‘-Toilett‘-nett-Parkett und Billett: Das hat Rapper-Qualitäten wie auch der empörte Ausruf: Seid Ihr bescheuert – Ihr habt was beteuert!? Ja, Mann, wie kann man nur so blöd sein und was beteuern?!

Martin G. Berger reimt sehr ville, bis – kille kille – selbst ihm das zu Kopf steigt. Und gerade dieser selbstironische Move, dieses jump and run aus dem eigenen Libretto raus ist die Rettung der Geschichte. Auf dem Höhepunkt der Maskerade fallen Martin G. Berger nur noch obszöne Reime ein für das verklemmte Geschicker auf der Bühne (Dick, Hick und F…), eben weil eine Story aus dem 18. Jahrhundert, in der sich ein Mann von seinem Vater die zukünftige Frau aufzwängen lässt, denn Frauen sind ja sowieso nur männliche Manövriermasse im patriarchal dominierten Sozialsystem, ja, weil eine solche Story eben im 21. Jahrhundert gar nicht mehr unironisch erzählt werden darf. Darum und nur darum muss der ganze Kram reimtechnisch ins Lächerliche kippen. Es wird viel gesungen in dieser Oper, noch viel mehr getanzt. Nielsens „Maskerade“ ist ein Pläydoyer für den befreienden Identitätstausch, eine Feier des Tanzes als Selbstbefreiung, ein Fest der freien Liebe. Und wahnsinnig guter Reimspaß. In Frankfurt zumindest. Beste Erfrischung, schönste Unterhaltung!

Nischisierung

Vor einem Jahr etwa begann ich im ersten Lockdown, meine Wohnung mit ganz anderen Augen zu sehen: Küche, Klo und Sofa – die erschienen mir plötzlich wie Orte und Landschaften fremder Welten, die ich bereisen konnte, weil ich mit meiner Lockdown-bedingten Wohnungsdauerpräsenz einen mikroperspektivistischen Blick auf alles um mich herum entwickelte und merkte: In den Dingen steckt mehr, als ich je dachte. Ich sehe meine Wohnung nun in einem ganz neuen Licht und weise den Dingen Funktionen zu, die sie sich selbst nicht erträumt hätten. Die neuen Landschaften in meiner Wohnung nehmen seitdem ungehemmt zu. Gerade sind es die Nischen, die ich lange übersehen habe und denen ich durch unerwartete Funktionalitäten ein von Grund auf neues Selbstbewusstsein schenke. Mein Kleiderschrank zum Beispiel war mir eigentlich nie so viel wert. Er ist klein, etwas billig, vor allem funktional und birgt etwa nicht nur Kleidung, von der ich nicht so viel besitze, sondern zu einem Drittel Sachen, die man mir einmal zur Konfirmation und später als „Aussteuer“ angedacht hatte, die ich aber aus mangelndem Verheiratetsein unangetastet ließ, und die ich nun seit dreieinhalb Jahrzehnten mit mir rumschleppe und lagere. Eine absolute Nische in der Nische übrigens. Und darum prädestiniert für ein Leben außerhalb seiner Bestimmung.

Die Nischen sind sowieso jetzt überall ganz groß im Kommen. Jeder und jede, die was auf sich hält, tapeziert sich gerade seine Nische, nur um sich nicht gemein machen zu müssen mit anderen und deren Habitat. Alles muss besonders sein, alles benötigt ein Alleinstellungsmerkmal, und wenn man sich schon in den kalkulierten Posen und Chiffren eines Milieus verliert, dann aber Bitteschön mit voller Absicht und ironisch. Alles hat gerade so eine große Bedeutung auf der Meta-Ebene: Möbel, Klamotten, Schminke, Sprachmelodien, Schuhe, Parfüm, Wörter. Das unbedarfte Leben ist längst vorbei – an allem klebt eine Marke und damit ein Code, der mich in ein Milieu einschreibt, oha, oder sogar in eine ganze Generation. Also, keine Frage, ich mache da auch munter mit, geht ja gar nicht anders – mit einem einfachen Plot-Twist. Vor längerer Zeit kaufte ich aufgrund sozialer Affirmation meines kleinstkleinen sozialen Privatumfelds zwei Rolling-Stones-Oberteile mit einem Aufdruck dieser herausgestreckten Zunge, obwohl ich ohne zu googeln nicht ein einziges Lied dieser Band kenne oder textsicher mitsingen kann. Ich fake also vorsätzlich mit einem vermeintlich Coolness-steigernden Accessoire die Zughörigkeit zu einem Milieu, indem ich mir das Recht rausnehme, die gute Marke als blanke Mode zu degradieren. Ich schmücke mich mit fremden Federn, könnte man meinen, ich bluffe perfide. Für echte Rolling-Stones-Fans bestimmt nicht so schön.

Darum ja auch diese Nischisierung. Als Gegenbewegung sozusagen. Die Nischisierung ist eigentlich nur dazu da, um seltene Sachen zu finden und so komisch zu kombinieren, dass andere deren Codes entweder gar nicht verstehen oder zumindest nicht ohne Widerspruch entziffern können. Würde ich jetzt ein Beispiel nennen, wäre das eine Stilisierung, von Meta-Ebenen kann man sehr tief fallen. Es ist aber auch schwierig geworden mit der Individualisierung, der Manufaktum-Katalog hilft schon längst nicht mehr weiter, viel Geld dagegen schon eher, weil überteuerte Handtaschen schon mal bestimmte Gesellschaftsschichten vom generellen Haben ausschließen. Aber gegen die, die sich sowieso keine Rolex leisten können, macht das Abgrenzen ja irgendwie auch gar keinen Spaß mehr. Da hilft nur Nischisierung.

Die Nischisierung ist die idiosynkratische Antwort auf das Dagegensein von damals. Früher reichte einfach Verweigerung von irgendwas, jetzt muss es schon ein ganz spezieller Entwurf von einem selbst sein. Also, ich habe nicht einfach nur einen Stufen-Haarschnitt, sondern einen „Rachel-Cut“. Aber ich schweife ab. Ich bin ja eigentlich nur auf die Nische gekommen, weil ich selbst so erfolgreich zuhause nischisiere. In meinem Kleiderschrank. Ich nehme da jetzt immer meine Sachen auf. Das Mikrophon ist teurer als der ganze Schrank. Großmembran halt. Hinten am Schrankrücken kleben die Manuskriptseiten. Es ist kein begehbarer Schrank, mehr so ein „bestehbarer“. Ich brauche tatsächlich auch eine Stirnlampe, um den Text an der Rückwand lesen zu können. Diese Nische ist eines von zwei kleinen Hörfunkstudios bei mir zu Hause. Eine perfekte Nische. Hat keiner so, garantiert! Die Blusen müssen so schief hängen, übrigens. Sonst klingt‘s einfach nicht so gut.

Na, wie isses so? Morgen geht ja das Leben wieder los. Die Geschäfte machen auf. Als ich am Freitag nach einem Dreh in Frankfurt über die Zeil ging, sah ich schon die Menschen in den Schaufenstern herumkrabbeln, um Deko, Sachen und Poster zu den Sachen zu drapieren. Das schien mir wie ein abruptes Aufwachen aus dem Winterschlaf, bei dem der Wecker seit Wochen auf Snooze-Funktion steht. Noch einmal rumdrehen und dann aber hopphopp raus. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass jetzt alles wieder losgehen soll. Ich bleibe jedenfalls zu Hause und dreh mich morgen noch mal rum. Nee, ich hab tatsächlich zu tun, darf arbeiten. Am Weltfrauentag gehe ich sowieso nicht shoppen. Ist mir zu viel Klischee auf einmal.

Dass Einkaufen für mich einmal zu einem Erlebnis werden würde, hätte ich selbst nicht gedacht. Der Besuch des Wochenmarktes am Samstag ist zu einem Lifegoal geworden. Es gibt nichts Schöneres, wenn mich „mein“ Händler an „meinem“ Gemüsestand mit lässigem „Hi“ begrüßt und schon weiß, dass ich die wirklich frischen Datteln kaufen werde. Ich freue mich über einen Plausch mit der Apfelfrau aus der Wetterau, schaue bei der Geflügelexpertin mit der coolen Nickelbrille im Eier-Wagen vorbei oder schleiche um den smarten Honighändler herum, für den ich alle sieben Monate einen minimalsten Crush entwickele. Der Wochenmarkt ist die beste Erfindung überhaupt: draußen, regelmäßig, gute Sachen und unter Leuten.

Die schönen Dinge können so schön sein! Und darum habe ich noch was Schönes, über das ich die ganze Zeit nicht zu sprechen gewagt habe. Es hat mir aber die letzten Monate so sehr verschönert, dass ich es als Tipp mal weitergeben wollte. Ich habe „Zelda“ für mich entdeckt. Dieses Konsolenspiel aus Japan. Und, wirklich, es ist eine Offenbarung! Zelda ist Entspannung, Reisen in andere Welten, es ist Denksport, Humor, es ist komplettes Abtauchen und Selbstvergessenheit – im Prinzip für mich wie Musik von Richard Wagner. Ich bin in den letzten zwei Monaten in so viele fantastische Gegenden gereist und habe immer noch ist nicht alles entdeckt, weil ich es mir wie bei guter Musik und guter Literatur schön einteile und aufspare, damit ich lange etwas davon habe. Ich war auf Palmeninseln, in Eismeeren, in japanischen Dörfern, auf Helgoland-Felsen, in terrakottenen Canyons, in überstrahlten Wüsten, in grünen Wäldern mit Wildschweinen und Elchen, auf Bergen aus Granit, Sandstein, Buntsandstein, Kalk. Alles wie live: ich höre Vögel zwitschern, ich höre meine Schritte im Schnee, ich höre mich auf Eis schlittern, in Wasser platschen, im Gebirge ächzen, ich höre Wind krachen, Wasserfälle rauschen. Es ist, als wäre ich da. Alles 360 Grad-Grafik.

Zelda ist ein Abenteuerspiel, bei dem ein junger Held eine Prinzessin retten muss, die seit 100 Jahren gegen eine „Verheerung“ kämpft. Die Geschichte ist ziemlich bekloppt und nicht gerade gendergerecht. Ärgerlicherweise. Aber dieser Rahmen ist mir Wurscht, wenngleich man da bei den Entwickern mal anklopfen sollte, dass die nicht so überkommene stereotype Narrative benutzen. Die Schönheit der Grafik, die Komplexität des Spiels, sein Humor, seine kniffligen Aufgaben machen „Zelda“ zu einem Erlebnis über Wochen und Monate. Wer wie ich eher ungeschickt und unerfahren im Umgang mit Konsolenspielen ist, kann viel lernen, was auch im Leben hilft. Das größte Problem ist für mich, gegen Monster zu kämpfen, was man aber muss, weil man sonst einfach nicht weiterkommt im Zelda-Kosmos (oder im Leben). Das fiel mir am Anfang echt schwer und gehört immer noch zu den unangenehmen Seiten dieses Spiels, auch weil die Monster süß aussehen und ich finde, dass sie nicht sterben sollten. Ich musste Strategien entwickeln für verschiedene Monstertypen. Man gewöhnt sich tatsächlich erschreckend schnell an Gewalt. Das ist krass. Und man lernt: (a) kämpfen gehört ein bisschen dazu, (b) man muss allerdings gut ausgerüstet sein, (c) nicht alle Monster sind gleich, und (d) mitunter ist es besser, einfach weiterzuspringen und Monster links liegen zu lassen (meine Lieblingsstrategie).

Etwas ganz Besonderes an diesem Spiel ist seine fantastische Musik, finde ich. Man hat sich durchweg entschlossen, Szenen, Charaktere und Topoi mit Klaviermusik zu illustrieren. Nichts Elektronisches oder seicht Modernes, harmonisch Abgefressenes oder rhythmisch Glattgebügeltes. Nein, handgemachte Klaviermusik. Meistens Solo. Meistens komplex, harmonisch alles andere als trivial, sondern ganz schön fordernd. Vor allem wenn komische Cluster in die Zelda-Welt driften, weil der Held eine schwierige Aufgabe gelöst hat, die mit so atonalen Klaviertuschs musikalisch gefeiert wird. Für mich ist diese Musik Kunst, in Verbindung mit dem szenischen Spiel ein ganz eigenes Genre. Anders als im Film, in dem die Komposition dem Kontinuum des bewegte Bildes linear folgt, sind diese Kompositionen fragmentarisch disparat arrangiert, so dass sie pro Szene funktionieren, aber auch im Gesamtspiel, das ja jede*r Spieler*in anders anlegt. D.h. Die Musik wird in jeder Spielsituation neu kompiliert. Damit das nicht langweilig und trivial wirkt, muss man eine große Partitur im Kopf haben, bei der alle Teile irgendwie immer zusammenpassen. Das allein ist schon eine echte Leistung. Handschrift und Stil der Musik heben das Spiel tatsächlich noch einmal auf eine andere Erlebnisebene.

Zelda – mehr als nur eine Pandemiehilfe.

(Keine Werbung hier übrigens)

Ich dachte, ich fahre nach Hawaii! So war mein Gefühl, als ich am Montag früh in mein Auto stieg und nach Wochen wieder einmal auf Reisen ging. Zum Dreh! Hawaii ist mein nächstes Urlaubsziel, sobald wir wieder richtig reisen dürfen. Am Montag ging es erst mal nach Stuttgart. Statt Sonne, Wellen und Surfen wehte dichtes Schneetreiben über die Autobahn. Im Herzen aber war Hawaii.

In Stuttgart war ich mit dem ehemaligen ARD-Korrespondenten Jörg Armbruster für ein Interview verabredet zu seinem neuen Buch „Die Erben der Revolution“. Herr Armbruster hat bei Hoffmann und Campe einen ziemlich guten Text über den Arabischen Frühling veröffentlicht, in dem er die Ereignisse aus 2010/2011 gut verständlich nachzeichnet, aber vor allem Bilanz zieht. Jörg Armbruster profitiert natürlich immens von seiner Zeit als ARD-Korrespondent in Kairo, denn er hat das erlebt, wovon ein Journalist nur träumen kann. Er war in der historischen Sekunde, in der Hosni Mubarak aus Kairo mit dem Hubschrauber floh und sich diese Nachricht unter den Demonstrierenden verbreitete, in der also ägyptische Geschichte geschrieben wurde, live in der 17-Uhr-Tagesschau auf Sendung. Völlig unvorbereitet, ohne zu wissen, was da eigentlich gerade auf den Straßen Kairos passiert, reagiert er auf den euphorischen Jubel der Menschen, der von unten auf den Reporter-Balkon des ARD-Studios dringt. Jörg Armbruster filmt mit der Kamera auf die tanzenden Jungs unten und sendet, sendet, sendet. „Bleiben Sie bitte auf Sendung!“ ruft er dem Moderator rücklings in Hamburg zu und wird so zum Zeitzeugen eines großen historischen Moments.

In diesen Tagen wiederholt sich der Jahrestag der Revolution zum zehnten Mal, und ich hatte kurzfristig den Auftrag bekommen, einen Beitrag für das Fernsehmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“ zu produzieren. Also fahre ich zu Herrn Armbruster nach Stuttgart, der einer der harten Kerle jener Zeit ist, für die der Job das Leben ist, der aus seiner Chronistenpflicht ein Protokollamt machte: die Liste der Beiträge, die er aus seinem Berichtsgebiet gesendet hat, liest sich wie ein akribisch geführtes Tagebuch. Er hat einfach alles mitgeschrieben, notiert, festgehalten, Beitrag für Beitrag. Das gibt es heute so gar nicht mehr. Jörg Armbruster allein schon ist eine Institution und einen Beitrag wert, ich habe seine Schalten damals nahezu alle gesehen. Das Gespräch mit ihm über den Arabischen Frühling ist darum doppelt toll: ich sitze ihm als ttt-Autorin gegenüber, aber eben auch als „Groupie“. Ja, das ist vielleicht ein bisschen peinlich, aber ohne Vorbilder geht es nunmal nicht im Leben. Und ich war selbst 2010 in Kairo, direkt vor den Aufständen – unterwegs mit dem ägyptischen „Indiana Jones“, dem Archäologen Zahi Hawass, in der Totenstadt des Königs Sahure. Wir krochen in Pyramiden, stapften durch den ägyptischen Sand. Ich wohnte im Hotel Semiramis am Tahrir-Platz, ich besuchte das Kairo Museum am Tahrir-Platz, sah Tut-Ench-Amun, ich sprach mit Wafaa El-Saddik am Tahrir-Platz. Alles wird gerade wieso lebendig.

Der ttt-Beitrag ist auch wegen seiner vielen Nebengeschichten interessant, die man natürlich nicht sieht. Die Recherche für das Stück war ziemlich „wow“. Wir wollten Herrn Armbruster noch eine junge Stimme aus der Arabellion zur Seite stellen, um die Innenperspektive von jemandem zu zeigen, die das alles selbst erlebt hat, die also nicht in die Rolle der journalistischen Beobachterin gedrängt wurde. Wir wollten die Stimme der Chefredakteurin der Online-Zeitung Mada Masr. (Schaut Euch mal die Website an!) Mada Masr ist in Ägypten verboten, in Deutschland kann man die Beiträge aber uneingeschränkt lesen. Nur so viel: Das Protokoll meiner tagelangen und multilateralen Kontaktaufnahme zu Lina Attalah ist ein Beleg für die Unterdrückung der „freien“ Presse in Ägypten. Lina konnten wir darum in dem Beitrag nicht zu Wort kommen lassen. Wir haben uns am Ende entschieden, mit Alaa Al-Aswani in New York zu sprechen. Herr Al-Aswani lebt dort seit 2017 im Exil, weil er dem ägyptischen Regime immer wieder den Spiegel vorhält. Gerade ist in Deutschland bei Hanser sein neuester Roman erschienen: „Die Republik der Träumer“ heißt das Buch. Schon die erste Szene ist so grandios und süffisant, dass ich das Buch regelrecht gesuchtet habe.

Alaa Al-Aswani ist auch so ein Mann, über den man einen ganzen Film machen sollte. Natürlich hat er die 18 Tage des Arabischen Frühlings Tag und Nacht auf dem Tahrir-Platz verbracht. Natürlich erinnert er sich noch an jede einzelne Minute aus dieser Zeit. Die 18 Tage seien die schönste Zeit seines Lebens gewesen, sagt er immer und immer wieder in jedem Interview. Und ich denke, dass es zynisch klingt. Fast 900 Menschen sind damals gestorben. Aber er meint es ernst. Herr Al-Aswani ist Zahnarzt, schon immer schrieb er Romane, schon immer kritisierte er das Regime in Ägypten. Er wurde berühmt, weil er mit seiner Kritik in einer Fernsehtalkshow einmal für ungeheuren Tumult auf Seiten des hart angefaßten Politikers sorgte. Er ist berühmt, weil es in seinen Romanen wirklich zur Sache geht, weil er kein Blatt vor den Mund nimmt, sich nicht versteckt. In unserem Zoom-Interview erlebe ich den freundlichsten, alertesten Mann überhaupt, dessen feine Ironie und deutliche Sprache so was von packend ist, dass ich ihn in die Liste meiner Vorbilder aufnehme.

Schaut mal ttt am Sonntag, 31.1. (abends, meist dann, wenn man schon viel zu müde ist). Wenn Ihr mögt: auch in der Mediathek.

Silvester in hr2

Wir machen zum guten Schluss noch was Nettes heute Abend. Wem langweilig ist, kann ja mal bei hr2 kultur vorbeischauen. Ab 20.00 Uhr senden wir durch bis Mitternacht. Mit Musikwünschen und Gedichtwünschen von Hörer*innen. Und noch vielen anderen schönen Sachen. Also, Horoskope gibt es auch. „Wir“ sind ziemlich viel Köpfe, die die Sendung vorbereitet und umgesetzt haben. Ich sitze da nachher nur vor dem Mikro und spinne den roten Faden. Richtig old school Radio! Happy New Yeah!

1 Woche drum stories

Woop woop woop, dear customers : heute Abend kommt endlich unsere Trommel-Doku auf ARTE, für die wir vor genau einem Jahr mit den Drehs begonnen haben. Das ist ein Film mit ziemlich abseitigen, sehr schönen und erkenntnisreichen Geschichten rund ums Trommeln. Die Doku ist vom Storytelling gar nicht so, wie die Leute, die für die „Stages der Mediatheken“ im Moment zuständig sind, es gerne hätten, denn sie zeigt nicht eine Protagonist*in beim mühevollen Abarbeiten seiner/ihrer dramatischen Heldenreise. Nein, die Doku zeigt (wie alle die Filme, die Maurice und ich machen) ganz viele Menschen beim Haben eines besonderen Lebensgefühls. Das ist leider im Moment nicht so en vogue, das mit dem Lebensgefühl… aber ich finde, dass das Filmen von Lebensgefühlen, Atmosphären und Stimmungen immer noch das Schwierigste und Schönste ist – ist ja alles so unsichtbar und doch so gegenwärtig.

In unserem Film stellen wir viele prominente Menschen und Geschichten Seit‘ ans Seit‘, um zu zeigen, dass der Kosmos ums Trommeln heterogen (wer hätte das gedacht?) ist, aber eben doch eine klare sprachliche Basis hat. Jeder der Trommler unseres Films kommuniziert mit der Trommel über einen bestimmten Code. Jede*r Trommler*in, jede*r Protagonist*in hat ihren/seinen Code, der klar definiert ist. Oder wie im Fall von Curt Cress und Manu Katché extrem personalisiert: sie haben tatsächlich ein ganz eigenes Vokabular für sich entwickelt.

Woher das eigentlich kommt, mit der Sprache, der Übersetzung von Trommelschlägen in Worte und Bewegungen, wer tatsächlich heute noch Nachrichten sendet über Trommeln: dem sind wir auch mal nachgegangen. Dafür haben wir einen Abstecher zur Bundeswehr gemacht (ja, echt!) und ins MIM, also ins Musikinstrumentenmuseum in Brüssel. Dort arbeitet die Musikethologin Saskia, die wunderbare Geschichten über Trommelcodes erzählen kann. Einer der beeindruckendsten Experten in Sachen Talking Drum ist Kotey Niikoi aus Ghana, der als Trommler nun in Frankfurt lebt und arbeitet. Über Kotey müsste man mal einen ganz eigenen Film machen.

Ein Highlight des Films ist auf jeden Fall mein Besuch in Japan. Ich war vor der Pandemie im Januar 2020 in Fukui und Kanazawa. Dort in der Nähe hat der weltberühmte Taiko-Bauer Asano Taiko seine Werkstatt bzw. Fabrik. Ich hatte die exklusive Erlaubnis, dort zu drehen. Es war ein Traum. Sumiyo, die Tochter des Chefs, hat mir anderthalb Tage Tür und Tor geöffnet.

Ja, auf diesem Japandreh habe ich auch Takuya Taniguchi getroffen, der bei Null Grad morgens auf dem Gelände des Eiheiji Tempels seine Taiko gespielt hat. (s. weiter unten)

drum stories läuft heute Abend um 23.25 Uhr auf ARTE und dann leider nur 7 Tage online. Bernd Romkowski hat den Film gedreht, ich habe die Episoden in Japan gedreht. Maurice Friedrich hat den Film geschnitten. Für den Ton ist Wolfgang Müller verantwortlich.

ARTE: 22.11.2020, 23:25 Uhr

Sommer. Wunderschön!

Es war ein schöner Sommer! Wir waren surfen, Kanu fahren und paddeln, wir waren campen, haben gegrillt und Steine gesammelt. Wir joggten die Elbe entlang bei Sonnenaufgang und saßen auf den Felsen von Vaison-la-Romaine, wo jeden Abend die Sonne hinter den Bergen eintaucht. Wir sind sogar geflogen (naja, mit der Drohne), haben uns dafür heimlich in die Provence verdrückt, schlugen uns den Bauch mit Macarons und Eclairs voll. Er war heiß und ruhig, dieser Sommer. Und ich fand ihn wunderschön.

Ein Sommer voller intensiver Begegnungen. So herzwärmend wie schon lange nicht mehr. Magdeburg, mon amour, das hätte ich nicht gedacht, dass Du Dich mit Deiner Johanniskirche, dem immer blauen Himmel und dem so frischen Wind so doll in mein Herz brennst. Und Dresden! Dresden wird mir auf Ewigkeit mit dem atemberaubenden Kosmos von Max Uhlig verbunden sein, in dieser alten Mühle kurz vor dem Wald, zu der ich mich im Auto hochgeschlängelt habe, um in diese Welt voller Striche zu gelangen, in dieses Labyrinth aus schwarzen Gitternetzen, mit denen Max Uhlig die Welt überzieht.

Es sind vier Jahre vergangen, seit ich mich das letzte Mal in diesem Labyrinth aus Ateliers verlaufen habe. Im Juni 2016 bin ich die Elbe entlang gefahren, bei schönstem Sonnenschein, die Schlösser zogen an mir vorüber. Ich habe mich prompt verfahren, durch die Verspätung einen schlechten Eindruck hinterlassen, aber eine der besten Zeiten überhaupt gehabt. Ich durfte in den Kopf eines Künstlers schauen. Max Uhlig, heute 83 Jahre, ist nicht auf Anhieb zugewandt. Weil ich aber einige Jahre für das Städelmuseum kleine Ausstellungsfilme fürs Internet produziert habe, weil ich in diesen Zeiten oft mit Max Hollein gesprochen habe, der mir sogar einmal schriftlich für einen Film gedankt hat, fasst auch Max Uhlig Vertrauen zu mir. Wir haben schon in den Wochen zuvor ganze Tage bei den Derix Glasstudios im hessischen Taunusstein verbracht. Er in der Malkabine, ich mit meiner Kamera. Stumm. Stundenlang. Der Maler hat dort an seinem größten Werk gearbeitet. Und das ist nun vollbracht. Ja, vollbracht.

Im Juli kommt mir das alles wie ein déj-vu vor. Voller Absicht wiederhole ich meine Reise von 2016 in kleinen Details: Sonnenschein, Elbaussicht und Hochschlängeln in den Wald. Ich zelebriere eine Begegnung, die mir wirklich wichtig ist. Wieder betrete ich das Atelier, und es ist, als sei die Zeit stehen geblieben. Die riesigen Leinwände, gestapelt, angelehnt, stehen noch genau so wie vor vier Jahren da. Die Bilder schauen mich an, ich kann mich an jedes einzelne erinnern und weiss genau, welches verrückt, verschoben wurde, wo es seinen Platz in diesem Kosmos hat. Es sind viele Bilder, Max Uhlig malt und zeichnet unentwegt. Ich finde, sein Oeuvre ist megaloman. Der Künstler macht keinen Unterschied zwischen dem Leben und der Kunst. Er zeichnet unentwegt, er muss. Er sieht die Welt so wie auf seinen Bildern, und diesen gestrichelten Blick, den nur er hat, muss er uns zeigen. Wenn ich über Max Uhlig spreche, habe ich oft etwas doof gesagt, dass man das für Krickelkrackel halten könnte, um denjenigen den Wind aus den Segeln zu nehmen, die keinen Zugang zu dieser Art zu sehen haben. Es ist eine visuelle Lyrik. Es sind Momente, Fragmente aus Licht und Schatten, Ausschnitte aus dieser Welt, die in diese zeichnerische Lyrik transformiert werden.

Wenn Ihr Lust habt auf Bilder über diesen Atelierbesuch, dann schaut meinen neuesten Film „Aus Licht und Schatten. Max Uhlig – Fenster für die Johanniskirche in Magdeburg“, den ich hier weiter unten einmal verlinke. Ich zeige darin die Ideen- und Entstehungsgeschichte von Max Uhligs größtem Kunstwerk in der Johanniskirche zu Magdeburg. Maurice und ich haben diesen Film in diesem Sommer produziert. Das war natürlich auch ein Grund, warum dieser Sommer so schön war. Das ist übrigens mein erster Film unter meinem eigenen Label: cultchoc MEDIA. Kleiner, wackeliger Screenshot vom Abspann. Mehr davon erzähle ich demnächst.

UND HIER GEHT’S ZUM FILM

Aus Licht und Schatten. Max Uhlig – Fenster für die Johanniskirche in Magdeburg“

https://kuratoriumjohanniskirche.wordpress.com/herzlich-willkommen/film/

Nr. 5

„Ja, wir haben vier Gäste, und Sie wären dann Nr. 5!“ sagte mir die junge Concierge am Empfang in Magdeburg und händigte mir meinen elektronischen Hotelzimmerschlüssel aus. Zimmer 505. Aha. Man zählt durch. Dann unterschrieb ich einen Zettel, dass ich tatsächlich nicht aus touristischen Gründen angereist, sondern beruflich unterwegs sei. Alles mit Maske. Alles durch eine Trennscheibe hindurch. Aber komplett ohne Desinfektionszeug. Komisch. Die Räume hinter und neben dem Empfang – alle dunkel und so unbelebt, wie man es im Spätherbst von einem typischen Saisonhotel an der Nordsee kennt, das komplett in sich zusammenfällt und plötzlich alle Farben seines maritimen Interieurs ausgraut, sobald der letzte Gast der Saison abgereist ist. Diese Räume hier in Magdeburg hatten eigentlich viel mehr vor mit ihren Gästen, so groß und weit sind die. Jetzt ächzen sie völlig apathisch im Halbschlaf.

Dabei dachte ich auf der Autobahn noch: Alles im Prinzip schon wieder so wie vorher. Sie rasen immer noch so bescheuert und rücksichtslos, drängeln, fahren zu nah auf, entladen ihre ganze sublimierte Aggression in ihren blöden Karren. Egal, ob Corona oder nicht. Doch kaum bin ich hier in Magdeburg, habe ich das Gefühl, ich bin gerade doch noch nicht so gemacht für diesen Planeten!

Es ist meine erste Dienstreise in/nach Corona. Ich dachte, dass es irgendwann ja mal wieder losgehen muss, und eine Nacht in Magdeburg ist vielleicht ein guter Test. Von wegen. Ich komme mir vor wie in einem Hotel dieser surrealistischen Haruki Murakami-Romane, in dem man reale Türen öffnet, in reale Zimmer geht, mit realem Personal spricht, aber doch nur in seinen eigenen Räumen im Kopf wandelt. So einsam, menschenleer, begrenzt. Man kommt gar nicht raus aus sich. Zum Glück fährt Nr. 5 morgen wieder nach Hause.

Günther G., FFP 3 und Wotan

Sorry, Corona Diaries sind beendet – schon nach zwei Folgen. Es war einfach zu viel los – keine Zeit. Und gestern hat ja sowieso ein neues Leben begonnen. Mit FFP3-Maske und zwei Meter Abstand saßen wir im Staatstheater Wiesbaden, bei grellem Licht und minimalster Konzertatmosphäre. Aber Günther Groissböck hat gesungen. Nein, er hat uns wiederbelebt! Günther Groissböck, der große Wagner-Bayreuth-Bass, hat Lieder von Schubert, drei Balladen von Carl Loewe, Gustav Mahlers „Tambourg’sell“ und das „Urlicht“ gesungen. Das war einfach sehr sehr viel Meta-Ebene auf einmal. Fast ein bisschen zu viel Transzendenz auf Erden, wo doch im Moment ein so harter Realismus herrscht. Aber war echt schön.

Günter Groissböck hätte in diesem Jahr den Wotan im neuen „Ring“ in Bayreuth gesungen. Und ich glaube, er hat den fast zweistündigen Liederabend gestern nur dazu benutzt, um damit ein sehr langes Vorspiel für seine Zugabe zu bauen: für diese eine Szene aus „Siegfried“, die er nach kurzem Bitten des Publikums als Zugabe noch gesungen hat. 3. Aufzug, 3. Szene: Wotans Abschied, wenn er, der Vater, Brünnhilde, seiner Tochter die Gottheit wegküsst. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: „So küsst er die Gottheit von Dir“. (und küsst ihre Augen) Was muss passieren, dass es so weit kommen kann zwischen Vater und Tochter, frage ich mich jedes Mal, wenn ich in Bayreuth sitze und sehe, wie Wotan und Brünnhilde sich in Symbiose voneinander abschneiden. Günther Groissböck hat diese Szene gestern in dem kleinen Wiesbadener Barocktheater so richtig über uns drübergegossen. Kräftig, mächtig, laut. Alexandra Goloubitskaia hat dazu am Klavier gespielt, als hätte sie 1000 Hände und ein großes Orchester im wilden Sturm zu bändigen, das ihr aber leider ständig wegrennt. Hilfe. Und Groissböck war so so so auf der Bayreuther Bühne, so in seiner Rolle, so in einer anderen Welt, und er war so voller Sehnsucht nach dem, was in diesem Jahr eben nicht passieren wird. Oder vielleicht war ich auch mehr so voller Sehnsucht, weil ich in dieser einen Szene, in diesen acht Minuten, plötzlich merkte, was mir im Sommer fehlen wird.

Groissböck sang Lieder von Schubert und Goethe – alles mythologische Texte, Ganymed, Prometheus. Hymnen, die die Natur, die Gottheit anrufen. Ja, es lag sehr viel Sturm und Drang und Pathos in der Luft aus einer Welt, in die man sich früher einfach so zur feinsinnig intellektuellen Verfitzelung mal für zwei Stunden hineingefühlt hätte. Und das hätte man dann wirken lassen. Jetzt bekam das Wiesbaden-Konzert eine andere Bedeutung. Das wird jetzt das sein, von dem ich für eine längere Zeit leben können muss, also mein Herz. Ich habe schon oft zum „Urlicht“ von Gustav Mahler geweint. Im Studium mit Christa Ludwig. Gestern dachte ich: „Ja, Gustav Mahler: Dein „Urlicht“ ist wirklich zeitloser existentieller Trost!“ Uwe Eric Laufenberg hat die supra-reale Atmosphäre zum Glück von Zeit zu Zeit mit kleinen zeit- und gesellschaftskritischen Texten von Schiller und Brecht (die er von einem Zettel abgelesen hat) weggeblasen. Das war gut. Gut ist auch, dass Laufenberg schnellstens dieses Ersatzprogramm für seine Maifestspiele erfunden hat. Nein, dieser Abend war absolut nicht so wie früher. Es war alles wirklich ganz anders.

Corona Diaries #2 Beethovens Kopf!

Beethovenjahr. Alles ganz schön still in der Stille. Als sie am 17. Dezember 2019 angefangen haben, Beethovens Jubiläum zu feiern, war es mir am 18. Dezember 2019 schon zu viel. Jetzt bekomme ich allmählich wieder Sehnsucht. Wir hören zuhause mitunter Beethovens Siebte, auch seine Sechste, einen Satz aus der Dritten, so beim Abendbrot, wenn alle in Stimmung sind. Beethoven ist der Mann der Stunde. Er befriedet, macht ruhig, beim Abendbrot, wenn alle ihren Tag wegerzählen wollen, aber nicht jeder zuhören kann. Dann kommt Beethoven in einer schlichten Youtube-Aufnahme auf die klapprige Bluetooth-Box und fährt die Gemüter runter. Hach, Beethoven. Du Guter! Aber nichts geht über Beethoven in der Carnegie Hall oder im Barbican Center, in der Alten Oper Frankfurt. Ich habe (und schreibe mit Absicht nicht: „hatte“) eigentlich vor, John Eliot Gardiners Beethoven-Zyklus im Frühsommer in Athen zu filmen. Ende Juni. Da ist eine Aufführung draußen auf dem Parthenon im Odeon des Herodes Atticus geplant, also outdoor im Amphitheater. Ist das nicht eine schöne Idee?!

Aber einiges geht doch in Sachen Beethoven. Und zwar mal nicht digital oder online, sondern ganz old school „analog“. Vor ein paar Tagen erschien Peer Meters und Rem Broos „Beethoven“-Buch beim Carlsen Verlag. Carlsen Verlag – ja: Es ist ein Comic, oder wie man vornehm sagt: eine Graphic Novel. Also, ein gezeichnetes Buch. Ein Kunstwerk ist das! Rem Broo hat die Geschichte gezeichnet. Vorn im Einband steht auch „Storyboard“, und tatsächlich sieht man einen Film vor dem geistigen Auge ablaufen, wenn man liest, schaut, Details sucht, Bilder abscant und so durch das Buch gleitet. Man liest nicht, weil der Text so präzise und prägnant konfektioniert ist, dass man ihn irgendwie simultan sehend mit dem Bild erfaßt. Rem Broo zeichnet richtig süffig: mit breitem Strich, mit Druck und Kontur. Die einzelnen Szenen sind üppig koloriert im Aquarellstil, die Bilder sind dadurch richtig schön atmosphärisch. Die Zeichnungen ohne Text sind Kunstwerke, die man sich auch aufhängen könnte. Landschaftsszenen, Details. Was mir am besten gefällt, ist, wie Rem Broo sein Augenmerk auf Licht und damit auf Farbtemperatur gelegt hat. Das ist richtig gut komponiert – mit Bedacht und Konzept. Man glaubt nicht, wie viele „Shades of warm Brown“ er erfindet, wenn er Landschaftsszenen koloriert, wie viele „Shades of Purple“ er für Wiener Nachtszenen auf seiner Palette mischen kann und wie viel Dunst und Highlighter er in Bilder pumpt, wenn der Texter Peer Meter die Geschichte in Erinnerungen in Beethovens Badezimmer etwa ausbuchstabiert.

Die Bilder sind klasse, aber die Geschichte erst! Peer Meter hat sie an einem sehr verblüffenden Detail entsponnen. Ich liebe diese Art von Storytelling: wenn aus einer Winzigkeit ein Universum entsteht. Das winzige Detail ist hier: Beethovens Kopf! Der wurde im Totenbett einfach abgeschnitten. Wirklich! Meine Lieblingsseite im Buch ist die S. 55: „Der schaut ja aus wie ein gerupftes Huhn“ tönt es aus dem Wohnhaus Beethovens, in dem sein Leichnam aufgebahrt liegt. Anscheinend hat man direkt nach Beethovens Tod nicht nur sämtliche Locken vom Kopf des Mannes geschnitten, bis der bis zur Unkenntlichkeit kahlköpfig dalag, sondern auch Unterkiefer, Gehörgang und und und rausgesägt. Und weil man den Kopf ein bisschen zu doll ausgeschlachtet hatte, haben sie ihm zur letzten Ruhe einen afrikanischen Schädel ins Totenbett gelegt. Einfach nur, damit das Skelett für den Fall der Exhumierung auch komplett ist. Krass, oder? Ist aber nicht erfunden.

„Beethoven – Unsterbliches Genie“ erzählt die Geschichte von Beethovens Tod wenige Tage nach Beethovens Tod. Peer Meter berichtet über die Umstände des Todes und vor allem, wie nur kurz danach eben diese ungeheuerliche Leichenfledderei begann. In verschiedenen, fantastisch gezeichneten Flashbacks erfährt der Leser auch, wie verlogen die Wiener Gesellschaft war, wie ätzend sich Beethoven gegenüber seinen stets wechselnden Haushälterinnen verhielt, wie soziophob und schmuddelig er in immer wieder unterschiedlichen Wohnungen in Wien hauste (Beethoven soll 80 Mal umgezogen sein), wie zickig sich die beiden Sängerinnen Caroline Unger und Henriette Sontag um ihren Beethoven-Fame stritten. Viele Anekdoten sind richtig gut recherchiert. Flashbacks und Hauptgeschichte werden schön auf verschiedenen Ebenen montiert – eben weil der Zeichner die Flashbacks durch verschiedene „Weißabgleiche“ charakterisiert, kommen die unterschiedlichen Handlungsstränge auch in der linearen Buchform gar nicht durcheinander. Peer Meter hat noch eine Rahmengeschichte dazu erfunden, die als lange Exposition die Spannung steigert. Außerdem kann sich Rem Broo da richtig schön austoben zeichnerisch. Wer alles schon weiß über Beethoven: das hier verblüfft. Ja, macht sehr viel Freude, das Buch.

Peer Meter, Rem Broo: Beethoven. Unsterbliches Genie. Carlsen, 2020. Ich habe das Buch online gekauft, aber der Buchhändler vor Ort bestellt es sicherlich gerne. Es ist seit dem 12. März im Handel.