Wir fahren zu Carl’s Jr., Sepulveda Boulevard, Los Angeles, an diesem goldenen Sonntagmorgen. Die Straßen von Venice Beach sind leer und Morry, der Fahrer, steuert sein Auto stolz auf den öligen Parkplatz des Fast Food Restaurants. Morry fährt Tesla. Model 3. Sechs Monate habe seine Frau mit ihm nicht gesprochen, erzählt er mir, weil er den Tesla nie im Leben bezahlen können wird. Morry ist 70. Ich bin auf dem Weg nach Simi Valley zu einem Dreh für eine ARD-Doku.
Ein ziemlich staubiger Kontrast, denke ich, zu dem blank geputzten Washington, in dem neoklassizistische Fassaden pathetisch jene Straßen säumen, die den Weg ins Zentrum der Macht weisen. Das Personal dieser Avenues trägt Anzüge, braune Suede-Loafer, Louis Vuitton Taschen, Thermo-Mugs vor sich her. Es riecht nach Weed. Vor 20 Jahren war ich das erste Mal hier: dank eines Stipendiums der RIAS Berlin Kommission, die mir 2004 einen Aufenthalt an der Duke University ermöglicht hat mit einem Abstecher nach Washington. Jetzt, in diesem historischen Herbst 2024, treffe ich als RIAS-Alumni wieder Expertinnen, die die Politik dieses großen Landes zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben.
Alte Anwälte und junge Wissenschaftlerinnen präsentieren uns in mondän holzgetäfelten und abstrakt weißen Konferenzräumen ihrer Think Tanks gegensätzliche Analysen der politischen Verhältnisse in den USA. Auf knapp 1000 Seiten haben rechte Lobbyisten bereits eine neue Welt entworfen, in der die amerikanische Demokratie erst unterwandert, dann destabilisiert und schließlich abgeschafft werden soll. Da hoffen junge Wissenschaftlerinnen auf „Checks und Balances“ als letzte politische Überlebensstrategie für ihr Land. Ich sehe, wie hektisch Doug Andres, der Sprecher von Mitch McConnell, im Kapitol unterm Tisch mit seinem linken Bein wippt, als die Sprache auf seine Erlebnisse vom 6. Januar kommt.
Journalistinnen des Newsrooms von NBC4 berichten stolz, wie sie erfolgreiches Lokalfernsehen machen – ganz ohne politische Themen. Auch im braun gefliesten Empfangsraum der Deutschen Botschaft riecht es kurz nach politischer Abstinenz, als die beiden deutschen Gastgeber sich als „Beamte“ vorstellen, die in Washington seit Jahrzehnten ihren Dienst machen. Am Ende dieser Woche fliegt Joe Biden mit dem Hubschrauber nach Arizona. Ich stehe am schwarzen Flatterband im Weißen Haus, Biden joggt, er winkt, und ich mache das aufregendste Video meines Lebens.
Als Kulturjournalistin gehöre ich nicht zur „front row“. Dank RIAS Berlin Kommission hatte ich erstmals das Privileg, in diesem wichtigen Moment in Washington vorne zu stehen. Und ich lerne in jedem Meeting, meine Perspektive zu verschieben, zu korrigieren, nachzujustieren. Ich lerne, dass erratische Politik absolut ernst gemeint ist, dass Ambivalenz und Kontrast Methode haben, dass Disparates, Unlogisches, Inkohärentes zur Strategie erklärt werden und dass die Empörung darüber nichts bringt. Am Ende zeigt mir Morry, wie wenig es ihn juckt, dass die Demokratie seines Landes gerade in Gefahr ist. Viel zu abstrakt. „I want to die happy, Honey“, ruft er mir zum Abschied hinterher und rauscht in seinem schwarzen Tesla davon.
Danke, RIAS Berlin Kommission, für diese fantastischen Erfahrungen, die alle auf meine gegenwärtige Arbeit einzahlen. Ich bin allen, die diese Woche in Washington ermöglicht haben, extrem dankbar.

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