adrett… Toilett‘ … kokett – Carl Nielsens „Maskerade“ an der oper frankfurt

Ein Opernlibretto, in dem die Wörter „Jungfernhäutchen“, „bescheuert“ und „ficken“ vorkommen zu einer Musik von 1906 und einer Geschichte von 1724 könnte dem einen, der anderen oder they/them vielleicht ein wenig zu muss-das-denn-wirklich-sein vorkommen, und ein Großteil des Frankfurter Premierenpublikums hat es denn ja auch am Premierenabend mit abgespreiztem kleinen Finger erwartungsgemäß schön abgebuht, – geschenkt, denn über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, und geschmacklos war das allemal! – aber eben darum war es ja auch so gut und so neu und so meta und mal endlich nicht so hohl wie so mancher alte Text, der auf den Opernbühnen weltweit seit Jahrhunderten unverändert labberig weggesungen werden muss, obwohl kein Mensch mehr so spricht, die Wörter vor Staub kleben und nicht selten unfreiwillig komisch klingen. Kurzum: Librettist Martin G. Berger hat mit seiner neuen Übersetzung des Librettos von Carl Nielsens Oper „Maskerade“ großes Wörterkino veranstaltet.

Ich erzähle die Geschichte von vorn. Die oper frankfurt setzt Carl Nielsens Oper „Maskerade“ aufs Programm. In Dänemark gilt das Werk als Nationaloper – sosehr, dass sogar die Schwester der dänischen Königin zur Premiere nach Frankfurt reist, sich in einem royalroten Kleid in Reihe 4 setzt und distinguiert das frivole Ende der neuen deutschen Version beklatscht. Eigentlich wird diese Oper über Dänemarks Grenzen hinaus höflich wegignoriert. Komisch, denn Carl Nielsen kann tolle Sinfonien schreiben, sein Violinkonzert ist cool, Motiv genug, um das Werk für Frankfurt aus der deutschen Opern-Mottenkiste zu holen. Der Coup glückt, weil man sich eine deutsche Neuübersetzung gönnt, und Martin G. Berger, diesen schmerzbefreiten Übersetzer.

Martin G. Berger ist kein Boomer, sondern Jahrgang 1987, also aufgewachsen in der Sprachbubble der Böhmermanntexte mit all ihren Meta-Meta-Meta-Ebenen, den ungenierten ficki-ficki-Pimmel-Witzen, altklugen Twitter-Aphorismen, One-Linern in 140 Zeichen, unverständlichen Memes und Untenrum-Kalauern und überhaupt mit einer Sprachgewandtheit, die oberflächlich verführerisch blitzt und funkelt, aber auch nach hinten raus noch einiges Nachdenkpotential nachkartet. Martin G. Berger hat Carl Nielsens Oper „Maskerade“ (1905/06) exklusiv für die oper frankfurt neu übersetzt oder sagen wir mal so: er hat die kunstvolle dänische Wörterwelt des Librettisten Vilhelm Andersen irgendwie mit deutschem Übersetzerfeenstaub besprüht und ein Sprachkunstwerk gezaubert, das dem Original treu die Hand halten will. Vilhelm Andersen soll, so berichtet der Frankfurter Opernhaus-Dramaturg Kuhn, die Maskeraden-Geschichte durch ziemlich viele Endreime mehr oder weniger geschickt zusammen geknotet haben. Martin G. Berger bastelt nun daraus ganze Endreim-Kaskaden, die über 10-15 Verse laufen und mit Vorliebe ausgerechnet die beknacktesten Silben semantisch magnetisch zusammenklicken lassen. … Oh Röschen, mein Duft-Döschen. Kann ich an Dein Höschen? … Aber besser noch als die öschen-Trias ist die ett-Kaskade aus adrett-Falsett-unkomplett-hätt‘-Klett‘-Toilett‘-nett-Parkett und Billett: Das hat Rapper-Qualitäten wie auch der empörte Ausruf: Seid Ihr bescheuert – Ihr habt was beteuert!? Ja, Mann, wie kann man nur so blöd sein und was beteuern?!

Martin G. Berger reimt sehr ville, bis – kille kille – selbst ihm das zu Kopf steigt. Und gerade dieser selbstironische Move, dieses jump and run aus dem eigenen Libretto raus ist die Rettung der Geschichte. Auf dem Höhepunkt der Maskerade fallen Martin G. Berger nur noch obszöne Reime ein für das verklemmte Geschicker auf der Bühne (Dick, Hick und F…), eben weil eine Story aus dem 18. Jahrhundert, in der sich ein Mann von seinem Vater die zukünftige Frau aufzwängen lässt, denn Frauen sind ja sowieso nur männliche Manövriermasse im patriarchal dominierten Sozialsystem, ja, weil eine solche Story eben im 21. Jahrhundert gar nicht mehr unironisch erzählt werden darf. Darum und nur darum muss der ganze Kram reimtechnisch ins Lächerliche kippen. Es wird viel gesungen in dieser Oper, noch viel mehr getanzt. Nielsens „Maskerade“ ist ein Pläydoyer für den befreienden Identitätstausch, eine Feier des Tanzes als Selbstbefreiung, ein Fest der freien Liebe. Und wahnsinnig guter Reimspaß. In Frankfurt zumindest. Beste Erfrischung, schönste Unterhaltung!

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