Bayreuth, die Christa und ein Ehegattensplitting

„Gleich beginnt der Parsifal. Liebe Christa, Du fehlst mir sehr.“  So verabschiedete sich mein Sitznachbar linker Hand am Donnerstag via Smartphone von seiner Liebsten, um dann fünf Stunden Uwe Eric Laufenbergs Niqab-Hammam-Parzifal zu hören, nicht ohne mir vorher ein Taschentuch zugesteckt zu haben. Denn es gab alles andere als das Bayreuther Wetter. Es regnete wie irre, und der Niesel verstellte mir den Brillenblick aus Reihe 26. Aber ganz ehrlich, das Taschentuch war auch vonnöten im 2. Aufzug. Parsifal Andreas Schager hat dort so sehr um Erlösung gesungen, nachdem er erst im Hammam gebadet und dann auf einem Tisch von einer Kundry, die wirklich sehr horny war, flachgelegt wurde. Er sang nach Kundrys Vergewaltigungsversuch so unfassbar herzergreifend, dass ich mich auch in der Pause kaum wieder einbekam und beschloss, fortan nicht mehr den „Tristan“ meine Lieblingsoper zu nennen, sondern „Parsifal“. Dass Erlösung in Wagners gesamtem Opernoeuvre der zentrale Topos ist, klar, aber diese wunderschöne Parsifal-Formel „durch Mitleid wissend“,  taugt zum Lebensmantra, naja, hilft einfach schon im Alltag. Empathie ist das A und O. Wagner wusste das. Und mein Sitznachbar konnte es nicht treffender formulieren über WhatsApp an Christa.

Ich bin seit einer Woche in Bayreuth, und es wird wirklich viel gesimst und fotografiert im Festspielhaus. Ich fänds ja gut, wenn das Handy mal ausgestellt werden würde während der Vorstellung, aber selbst Kollegen kucken alle 20 Minuten aufs Display, um zu schauen, ob was reingekommen ist, verstrahlen den Raum mit Handylicht im Dunkel des Theaters. Nicht so schön. In dieser ersten Bayreuth-Woche habe ich Nicht-Wagner-Musik im Festspielhaus gehört (eine Sensation, da darf nãmlich nur Wagner gespielt werden), die Meistersinger, den Tristan, den Parsifal, Rheingold und heute die Walküre. Ich habe ferner in Villa Wahnfried zwei Tage lang einem Symposium über Wagner im Nationalsozialismus zugehört, das mich irritiert hat, weil ich vergessen hatte, wie Wissenschaftler, wenn sie unter sich sind, reden. Was für ein Gestelze. Komisch auch, was die so von ihren Geschichtchen als „wissenschaftlich“ bezeichnen.

Heute nun stand Frank Castorfs“ Walküre“ auf dem Plan nach einem luftigen, wie immer sehr unterhaltsamen Rheingold gestern. Mein linker (mal wieder) Sitznachbar gehörte zur aufgeschlossenen Sorte. Ich kenne nun Geschichten über einen Treppensturz bei den Meistersingern im Festspielhaus (ogott),  einen Orthopäden in München, der daraufhin konsultiert wurde, Rückenschmerzen und wohl auch Prellungen. (Immer wieder geht es in den Small-Talks um die harten Stühle im Festspielhaus. Für mich sind sie ja perfekt.) Auf jeden Fall waren seine Erzählungen so ausführlich und ich so höflich, allem lächeld zuzuhören, dass in der Walküre 2. Aufzug plötzlich eine Frau statt seiner neben mir saß, die ihm hartnäckig von Zeit zu Zeit (wohl in ergreifenden Walküren-Momenten) ihre Hand aufs Knie legte. Und seitdem: kein Wort mehr von links. Bayreuther Ehegattensplitting!

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