Aus aktuellem Anlass: d14 in hr2 Kultur am Sonntag, 18.05 Uhr

cof

Die documenta 14 schließt morgen in Kassel. 7 Millionen Euro Schulden habe man gemacht, so kolportiert die Presse. Von einem „Bankrott“ ist die Rede. In einem fulminanten Brief haben sich Adam Szymczyk und sein kuratorisches Team nun dazu geäußert. Im Szymczyk Jargon, poststrukturalistisch, natürlich. „Im Geiste einer gemeinsamen Auseinandersetzung glauben wir, dass es an der Zeit ist, das System der Wertschöpfung solcher Megaausstellungen wie der documenta auf den Prüfstand zu stellen.“ Und weiter fragen die Macher: „Wie lässt sich die Wertschöpfung der documenta messen?“

Szymczyk folgt damit seinem mit der d14 etablierten Programm, die Diskussion über zeitgenössische Kunst und ihre „Systemanforderungen“ weiter in Gang zu halten. Gut so! Ich hoffe, dass die  Diskussion nochmal richtig in Gang kommt, dass es nicht zu einem oberflächlichen Köpfe-Rollen kommt, sondern dass das Szymczyk’sche Narrativ sich weiterträgt in die Zukunft. Was sind 7 Millionen Euro Schulden (wenn es denn so ist) für ein solches Projekt? Oder anders gefragt: warum regen sich Leute auf, dass wir uns für „Kultur“ verschulden? Warum sind wir nicht bereit, 7 Millionen Euro für eine Form von kultureller Identität zu zahlen, über die wir uns neu und kritisch in dieser modernen Welt verorten können? Warum nehmen viele Menschen einen Ratenkredit für ein Auto auf, warum aber sind so wenige bereit, einen kollektiven Ratenkredit für ein Kunstprojekt zu tragen, das in der Lage ist und war, einen diskursiven Paradigmenwechsel einzuläuten? Die d14 ist kein Event, keine Show, sie ist kein Luxus, sie ist eine Form von gelebtem Diskurs, politischem und gesellschaftlichem Diskurs. Sie ist schlichtweg ein großer Teil unserer kulturellen Identität. Wer das nicht versteht, wer diese Identität leugnet, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Die d14 hat uns Narrative angeboten, über die wir uns neu in dieser Welt positionieren können. Nicht alles ist geglückt. Wie in jedem System wurde auch im d14-System an einigen Stellen Wasser gepredigt und Wein getrunken. Aber ich denke, dass zumindest viele Kultur-Profis eine Chance verpasst haben: sie haben sich schlichtweg nicht eingelassen.

Ich beschäftige mich seit Februar 2016 mit der d14. Ich habe einen Film gemacht und ein Hörfunk-Feature, ich habe, weil ich schon zutiefst beeindruckt war von der Komplexität dieser Ausstellung, allein in Athen Wochen, ja Monate verbracht, um die d14 zu verstehen. Man hätte jeden Tag zur d14 gehen können/müssen, und man hätte immer noch nicht „alles“ mitbekommen. Diese Reizüberflutung, die ich selbst nur quittieren konnte mit einer gewissen körperlichen Erschöpfung (ich bin täglich 15km durch Athen gelaufen), ist Programm der d14 gewesen. Die Welt ist eben nicht komplett erfaßbar, es bleibt immer ein Restrisiko, dass sich Dinge unserer Wahrnehmbarkeit entziehen.

Der d14 jetzt vermeintliche Schulden vorzurechnen, die bei diesem Projekt absehbar waren, ist kleinmütig. Wie viel Kultur wollen wir uns leisten? Diese Frage heißt übersetzt: wie teuer ist uns eigentlich unsere kulturelle Identität? Wer die d14 verpasst hat, wer sich ein Bild machen möchte: morgen, am Sonntag, 18.05 Uhr in hr2 Kultur läuft mein Feature.

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