John Eliot und seine Kimberly

Ich sitze bei John Eliot im Pick-up. Bei John Eliot Gardiner, dem John Eliot Gardiner. Er fährt mich auf seine Farm in Südengland. Der Mann, dessen erste Johannespassion mich wer weiss wie oft schon im Leben gerettet hat, fährt mich tatsächlich in seiner tief röhrenden Chaise samt schlammverkrusteten Sitzen über holprige Wege, auf denen versonnen Fasane spazieren, vorbei an den Wäldern, die sein Vater pflanzte, durch die Hügel, auf denen seine Schafe weiden, direkt auf seine Biofarm. Zu seinen Rindern und zu Kimberly. Sir John Eliot Gardiner, den ich seit 30 Jahren als einen der elegantesten, klügsten und distinguiertesten Dirigenten kennen gelernt habe und tatsächlich verehre, trägt Gummistiefel, Seemannstroyer und eine Jacke, in der er eine Handvoll Salz versteckt hält.

Für Kimberly, eine Kuh, die John Eliot gut zu kennen scheint, denn als eine der ersten prischt sie vor an den Zaun, als sie ihn sieht. Kimberly! Sie ist eines von 100 Aubrac Rindern, die John Eliot vor Jahrzehnten aus Frankreich importiert hat. Nun hat er eine kleine Zucht. Die Rinder stehen in einem luftigen Stall, eines der Kälbchen ist ausgebüxt und tänzelt um uns herum. Niemand ist beunruhigt, anscheinend, hier sind alle sehr relaxed, vor allem die sanftmütigen Kühe mit den hübschen Augen und wundervollen Wimpern (und freakigen Ponytail-Frisuren)… eine schöner als die andere. Mittendrin John Eliot, die Kühe schlecken seine Hand ab, um auch das letzte Fitzelchen Salz zu ergattern, alles ist glitschig, seifig, Jackenärmel, Hand, und ich denke nur: Oh Gott, das sind doch Matthäuspassion-Dirigentenhände. Nö, sie gehören eben auch Kimberly ab und zu.

Wir sind zum Drehen ins britische Dorset gekommen, John Eliot wird am 20. April 75 Jahre alt. Und ich finde, man kann den Menschen nicht oft genug sagen, wie groß die Kunst ist, die er macht. In Dorset steht sein Elternhaus, in Dorset steht sein Haus, in dem er jetzt lebt, in Dorset steht seine Farm. Dorset ist überhaupt eine Welt, von der man nicht glauben würde, dass hier einer der berühmtesten Dirigenten der Welt lebt und arbeitet.

Dass ich einmal hierher kommen würde, um ein Portrait über John Eliot Gardiner zu machen, hätte ich nie gedacht, auch weil ich nicht wußte, dass diese Sache mit dem „Biofarming“ tatsächlich ernst gemeint ist. Ist sie aber, und wie! Das ist kein Hobby, das ist eine Lebenseinstellung, das ist eine Haltung, die dem Denker, dem Intellektuellen, dem Musiker Gardiner von Kindheit an mitgegeben wurde, aus der er vielleicht sogar seine ganze Kunst speist. Klingt bisschen kitschig, aber der Zirkel des Lebens, das Elementare, das Reelle, das Wahrhaftige seiner Kunst, die einem tatsächlich nie ein X für ein U vormacht, kommt vielleicht von genau hier. Direkt aus Dorset.

Wir machen ein langes Interview in seiner Bibliothek.

Matthew und Marwan, meine Crew aus London, finden die schönsten Bilder. Ich rede über eine Stunde mit John Eliot, er erzählt von seiner Mutter, von Bach, von Monteverdi, von den Prinzipien seiner Kunst. Immer wieder kommt die Sprache auf seine Mutter, die ein wahres Genie gewesen sein muss, die den Jungen an die Kunst heranführte, die ihm den ersten Musikunterricht gab.

Es ist wahnsinnig, wie sich innerhalb von wenigen Momenten mein Bild von ihm ändert. Ich habe seine Platten gehört, Konzerte, immer wieder seine CDs, aber ich bin fest davon überzeugt, dass man alles das erst dann versteht, wenn man das ganze Bild kennt, wenn man das hier gesehen hat.

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