Günther G., FFP 3 und Wotan

Sorry, Corona Diaries sind beendet – schon nach zwei Folgen. Es war einfach zu viel los – keine Zeit. Und gestern hat ja sowieso ein neues Leben begonnen. Mit FFP3-Maske und zwei Meter Abstand saßen wir im Staatstheater Wiesbaden, bei grellem Licht und minimalster Konzertatmosphäre. Aber Günther Groissböck hat gesungen. Nein, er hat uns wiederbelebt! Günther Groissböck, der große Wagner-Bayreuth-Bass, hat Lieder von Schubert, drei Balladen von Carl Loewe, Gustav Mahlers „Tambourg’sell“ und das „Urlicht“ gesungen. Das war einfach sehr sehr viel Meta-Ebene auf einmal. Fast ein bisschen zu viel Transzendenz auf Erden, wo doch im Moment ein so harter Realismus herrscht. Aber war echt schön.

Günter Groissböck hätte in diesem Jahr den Wotan im neuen „Ring“ in Bayreuth gesungen. Und ich glaube, er hat den fast zweistündigen Liederabend gestern nur dazu benutzt, um damit ein sehr langes Vorspiel für seine Zugabe zu bauen: für diese eine Szene aus „Siegfried“, die er nach kurzem Bitten des Publikums als Zugabe noch gesungen hat. 3. Aufzug, 3. Szene: Wotans Abschied, wenn er, der Vater, Brünnhilde, seiner Tochter die Gottheit wegküsst. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: „So küsst er die Gottheit von Dir“. (und küsst ihre Augen) Was muss passieren, dass es so weit kommen kann zwischen Vater und Tochter, frage ich mich jedes Mal, wenn ich in Bayreuth sitze und sehe, wie Wotan und Brünnhilde sich in Symbiose voneinander abschneiden. Günther Groissböck hat diese Szene gestern in dem kleinen Wiesbadener Barocktheater so richtig über uns drübergegossen. Kräftig, mächtig, laut. Alexandra Goloubitskaia hat dazu am Klavier gespielt, als hätte sie 1000 Hände und ein großes Orchester im wilden Sturm zu bändigen, das ihr aber leider ständig wegrennt. Hilfe. Und Groissböck war so so so auf der Bayreuther Bühne, so in seiner Rolle, so in einer anderen Welt, und er war so voller Sehnsucht nach dem, was in diesem Jahr eben nicht passieren wird. Oder vielleicht war ich auch mehr so voller Sehnsucht, weil ich in dieser einen Szene, in diesen acht Minuten, plötzlich merkte, was mir im Sommer fehlen wird.

Groissböck sang Lieder von Schubert und Goethe – alles mythologische Texte, Ganymed, Prometheus. Hymnen, die die Natur, die Gottheit anrufen. Ja, es lag sehr viel Sturm und Drang und Pathos in der Luft aus einer Welt, in die man sich früher einfach so zur feinsinnig intellektuellen Verfitzelung mal für zwei Stunden hineingefühlt hätte. Und das hätte man dann wirken lassen. Jetzt bekam das Wiesbaden-Konzert eine andere Bedeutung. Das wird jetzt das sein, von dem ich für eine längere Zeit leben können muss, also mein Herz. Ich habe schon oft zum „Urlicht“ von Gustav Mahler geweint. Im Studium mit Christa Ludwig. Gestern dachte ich: „Ja, Gustav Mahler: Dein „Urlicht“ ist wirklich zeitloser existentieller Trost!“ Uwe Eric Laufenberg hat die supra-reale Atmosphäre zum Glück von Zeit zu Zeit mit kleinen zeit- und gesellschaftskritischen Texten von Schiller und Brecht (die er von einem Zettel abgelesen hat) weggeblasen. Das war gut. Gut ist auch, dass Laufenberg schnellstens dieses Ersatzprogramm für seine Maifestspiele erfunden hat. Nein, dieser Abend war absolut nicht so wie früher. Es war alles wirklich ganz anders.

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