Daniel, Mohammed, Lukas und seine Freundin

Am Ende stehen wieder nur alle rum und kucken aufs Handy. Daniel hat ein UBER bestellt, an den letzten Ort der Welt. Irgendwo draußen vor Athen. Die Akropolis liegt zur linken Hand ganz klein. Die Sonne geht gleich unter, und sie müssen vor 18 Uhr beim Antiquitätenhändler ihres Vertrauens sein, um die vier Säcke abzuliefern, die sie heute vollgesammelt haben. Mit Müll, so hätte ich das noch vor drei Stunden genannt oder „Fundstücke“, schließlich sind wir ja im Bereich der Kunst. Und da sind Fundstücke ja eine künstlerische Kategorie.

Eigentlich sind es aber nur alte, kaputte Sachen. Daniel kann wirklich alles gebrauchen, es muss nur dünn sein, eine deutliche, strukturierte Oberfläche haben und auch eine kleine Geschichte in sich tragen. Ein Stück Eisendraht etwa: wie eine Zeichnung auf Papier, ein Kohlestrich, sagt er. Ein paar leere Tablettenblister starker Psychopharmaka: die sind für Menschen mit bipolarer Störung, aber hier findet man so viele – die Leute nehmen die anscheinend freiwillig. Oder eine plattgewalzte Barbie, die Hüfte zerbrochen, die Beine verdreht: der hat man viel Gewalt angetan, meint er, aber ihre Haare sind perfekt. Noch nie habe ich jemanden so liebevoll über Müll sprechen gehört. Daniel sieht in allem eine Schönheit, weil er sich die Menschen dazu denkt, die die Sachen einmal benutzt haben. Er sei halt verträumt, meint er.

„Wertfreie Gegenstände“ nennt Daniel Knorr alles das Zeugs, das Menschen hier weggeschmissen, vergessen oder nicht mehr gebraucht haben. Und seine Begeisterung für alles das ist überhaupt nicht ironisch. Er hat jetzt 80 Säcke voller Fitzelkram, den er in 1000 Bücher pressen will. Keine exklusiven Dinge, keine Premiumfunde von Wert, wie er alle die anderen Sachen nennt, die ihn nicht interessieren, weil sie ihre Botschaft oder ihre Kostbarkeit zu offensichtlich nach außen tragen. Diese Sachen hier sind auf den ersten Blick unscheinbar und zeigen genau darum das echte Gesicht einer Gesellschaft. Sie sind perfekt für Daniels „Archäologie der Gegenwart“. Denn ihre Geschichten sind schon jetzt so verborgen und verschüttet wie die alten Scherben aus der Antike.

 

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