Buenos Aires

Nun also auch noch Argentinien. Dieses Jahr wird wohl ein Reisejahr. Nach Pristina und Beyrouth sitze ich nun hier in dem altehrwürdigen Teesalon La Biela, über dem dieser Adler schweift. Wer hätte das gedacht! Beyrouth und Pristina hatten bei mir nie die Aufmerksamkeit eines Reiseziels, vielleicht weil ich sie als zu gefährlich erachtete, weil man immer nur Schlechtes über die Städte hört, weil man auch keinen kennt, der aus Pristina oder Beyrouth kommt und der vielleicht auch mal was Nettes über diese Orte hätte sagen können. Buenos Aires stand auch nie auf meinem persönlichen Reiseplan, trotzdem verhielt es sich in diesem Fall anders. Buenos Aires wurde weder durch Krieg noch durch Korrespondentenliveschalten stirngekräuselter Fernsehreporter in die einsame Ecke gestellt wie Pristina oder Beyrouth etwa. Buenos Aires war für mich vielmehr so etwas wie ein Exempel des Hume’schen Induktionsschlusses. David Hume hatte einmal argumentiert, dass man aus der Gewohnheit, dass jeden Tag die Sonne aufgehe, nicht rückschliessen könne, dass es tatsächlich auch eine Sonne gebe. Die bloße empirische Gewohnheit verbürge noch kein allgemeines Gesetz und schon gar nicht die Existenz einer Sonne. Die könne sich ja schließlich auch jeden Tag vor Sonnenaufgang neu erfinden. Mit Buenos Aires war das für mich komischerweise genau so. 

Diese Stadt war in meinen Gedanken tatsächlich so weit weg, dass es schien, als würde sie immer wieder neu auf- und abtauchen, im Rhythmus der Nachrichtenlage eigentlich. Ja, es schien mir, als erfände sie sich wirklich immer wieder neu, sobald sie mir in den Kopf kam. Das ist eine komische Geschichte vielleicht, aber Buenos Aires war nicht wirklich immer da für mich, so wie Hongkong und Tokyo immer da sind für mich, weil ich da schon oft war und weiß, wie es sich dort jetzt genau in diesem Moment simultan zu meinem Hier und Jetzt anfühlt. Buenos Aires aber verschwindet für mich immer wieder für eine ganze Zeit. Es ist weg. Und kommt wieder. Ich meine damit nicht etwa den Umstand, es aus den Augen zu verlieren und mich wieder daran zu erinnern. Ich meine vielmehr das unbehagliche Gefühl, dass einige Dinge in meiner Welt rein phänomenologischen Charakter haben. Buenos Aires gehörte lange Zeit dazu.

Bis vor zwei Tagen. Da kaufte ich mir ein Mückenrepellent mit dem dusseligen Namen „Anti-Brumm“. Und da verwandelte sich – sagen wir mal – Buenos Aires‘ Wesenheit schwups  in eine referentielle  Existenz. Ich muss hier in den nächsten Tagen nämlich ziemlich schnurstracks und konsequent Zika-, Dengue- und, wenns hoch kommt, auch noch Malariafieber aus dem Weg gehen, vor allem meiner Angst davor. Und deshalb kann ich es mir rational einfach nicht mehr leisten, Buenos Aires auf- und abtauchen zu lassen. Du bist jetzt angekommen, Buenos Aires, in meiner kleinen Welt, oder vielmehr ich in Deiner. 

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