Mit dem Rücken zur Wand

Ich bin ja von einem Sender beauftragt, diesen Film über die d14 zu machen. Und weil mich der Film in verschiedene Länder gebracht hat, musste ich vorher immer einen zweistündigen Sicherheitscheck bei dem Sicherheitsbeauftragten des Senders machen. Das finde ich im Prinzip gar nicht so schlecht. Dann wissen die im Notfall wenigstens, in welchem Hotel ich im Falle einer Entführung untergebracht war. Ohne Witz, so reden die. Ich muss allerdings sagen, als freie Mitarbeiterin kann man ziemlich schnell verloren gehen, ohne dass es überhaupt jemand bemerkt. Aber das ist ein anderes Thema… Der Sicherheitsbeauftragte sammelte also die neuesten Nachrichten über das jeweilige Land zusammen, telefonierte mit Korrespondenten (also, hat er zumindest gesagt), um die gegenwärtige Situation für Journalisten abzufragen, um Tipps zu bekommen. Alles das wurde mir dann in zwei Stunden Gespräch präsentiert. Nach diesen Sicherheitschecks wollte ich die Reise jedes Mal nicht mehr antreten, so eingeschüchtert und verängstigt war ich. Auch deshalb, weil mich der Betriebsarzt, dessen Besuch ebenso obligatorisch vor einer Auslandsreise ist, vor meiner Reise nach Beirut einmal fragte, ob ich tatsächlich nach Libyen wollte. „Nein, eigentlich nur nach Beirut!“

Einer der Tipps aus dem Sicherheitscheck war zum Beispiel, mich in Restaurants nie mit dem Rücken zur Eingangstür zu setzen, sondern immer mit dem Rücken zur Wand. Im Falle eines Anschlags hätte ich sonst sofort eine Kugel im Rücken. Nun setzt das allerdings einen sehr zivilisierten Terroristen voraus. Nämlich einen, der ordnungsgemäß durch die Eingangstür kommt, „Hallo“ sagt und losschießt. Mounira hat darum von mir in Beirut dieses Bild in einem Restaurant gemacht als Beleg, dass ich mich ordnungsgemäß verhalten habe. Gibt es eine größere Wand?

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Nun, acht Reisen später, bin ich um einiges klüger. Weil ich vor Ort war. Die Sicherheitschecks meines Senders will ich nicht verachten, sie sind nur leider so realitätsfern wie im Moment fast alles, das im Fernsehen stattfindet. Das Leben ist keine „scripted reality“ und im Zweifelsfall anders als die Vorstellung. Meine neue Grundregel ist darum: das Unheil kommt immer ungeahnt. Man kann noch so wachsam sein. Es kommt völlig aus dem Nichts. Diese Regel ist nicht sehr tröstlich, weil man so wenig aus ihr ableiten kann, aber sie schärft nochmal die Sinne. Meine Intuition, auf die ich mich zu 80 Prozent verlasse, hat mich zwei Mal komplett getäuscht. Das hat mich irritiert.

Wie in San Telmo. Nach dem Dreh mit Marta. Ich wollte am Tag nach dem Studiodreh noch einmal nach San Telmo fahren, um Aufnahmen vom Stadtteil zu machen. Nur mit der Kamera in der Hand, lean equipment. Schon Eduardo vom Kameraverleih riet mir ab: „Bad idea, it is really dangerous!“ Als der Hoteljunge bei der Bestellung eines Taxis dann meine Kamera sah, meinte er nur: „Are you serious?! Maybe with a smaller one?“ Also, bin ich mit meiner kleinen Kamera los. Zwei Leute rieten mir ab. Weil ich aber die Bilder unbedingt brauchte, benutzte ich die 3er-Regel: der dritten Warnung würde ich sofort folgen.

In San Telmo in der Straße, in der Martas Studio liegt, sah ich den Mann, der Marta am Tag zuvor auf der Straße herzlich gegrüßt hatte. Er saß mit seinen Freunden im Hauseingang. Sonst war alles ruhig. Ich machte ein paar Bilder. Etwa 20 Minuten lief ich durch die Straßen. Bis mich ein Polizist ansprach. Er konnte kein Englisch, aber er machte mir ziemlich eindringlich deutlich, dass ich schnell gehen sollte. Er war freundlich, er war sogar sehr besorgt, hatte ich den Eindruck. Man würde mir meine Kamera vor den Augen beim Filmen wegreißen, sozusagen von den Augen weg, es wäre besser, jetzt zu gehen. Die dritte Warnung! Ich machte mich davon. Warum ich wirklich beunruhigt war: ich habe ihn partout nicht kommen sehen. Ich habe ihn partout nicht bemerkt. Partout nicht. Glück gehabt.

 

 

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