Fima

Ich hätte es fast vergessen. Wenn man mit einem Film „im Schnitt sitzt“, wie wir sagen, dann fühlt sich das an wie Quarantäne. Man ist von der Außenwelt total ausgeschlossen. Man denkt die ganze Zeit nur an den Film, welche Bilder man nimmt, welche Geschichten man wählt. Ausschließlich. Es ist, als gäbe der Film für eine bestimmte Zeit das Leben vor: mein stream of consciousness ist und war in den letzten Monaten der Film, mein Alltag wurde und wird zur Nebenhandlung. Essenkaufen, Sportmachen, Wäschewaschen, Saubermachen: alles ordnet sich dem Film unter. Das klingt jetzt echt übertrieben und überkandidelt, aber es ist so. Man muss einen Film termingenau abliefern, auf den Punkt, danach gibt es kein Zurück mehr. Man arbeitet à point, genauso wie eine Opernsängerin: die hat für jeden Ton auch nur eine Chance auf der Bühne. So ähnlich ist das beim Filmemachen auch. Vielleicht nehme ich das alles auch zu wichtig, aber Filmemachen ist extrem aufwendig, wie ich finde. 

Letzten  Freitag habe ich dieses Quarantäne-artige Gefühl aber doch kurz durchbrochen, für etwas, dem ich nicht widerstehen konnte. Paavo Järvi war mal wieder beim hr-Sinfonierorchester. Ach, wie schön war das. Vor allem weil er Yefim Bronfman mitbrachte, diesen außerordentlichen Pianisten, den zu treffen ich doch recht aufgeregt war. Er sollte Tschaikowskys 2. Klavierkonzert spielen. Und ich fragte ihn allen Ernstes, ob es leicht zu spielen sei. Nee, natürlich nicht. Oje, als er dann in der Alten Oper im Konzert völlig außer sich geriet, habe ich mich nochmal für die Frage geschämt. Was für ein Monster ist dieses Ding von Klavierkonzert. Und was für ein Genie dieser Mann, den alle „Fima“  nennen. Als ich ihn zwei Tage vor dem Konzert zum Interview traf, war er stark erkältet. Er bat mich, ihm das Beste für die Aufführung zu wünschen, weil er das Konzert erst seit einem Jahr „kann“, also erst seit einem Jahr regelmäßig trainiert. Nur darum habe ich auch abgelehnt, mit ihm eine Runde Tischkicker zu spielen. In unserem Interviewzimmer stand nämlich tatsächlich ein Tischkicker. Und nur weil das „Zweite“ so schwer ist und eine Partie vor dem Konzert lebensmüde für ihn gewesen wäre, lehnte ich ab. Das war schon krass. Für beide. 

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