Marco, 290 Jahre und Rougemont 

Heute kommt hier mal zur Abwechslung eine Bildbeschreibung. Und die geht so:

Die eine links bin ich, der andere rechts ist Marco. Marco Postinghel. So weit, so gut. Marco ist Fagottist, Solofagottist im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Experte für Barockmusik. Marco und ich sitzen in einer berückend schönen Kirche in Rougemont in der Schweiz, eine kleine kompakte romanische Kirche ist das mit dicken speckigen Mauern, die schon 1080 erbaut wurde. Wenige klare gemalte Verzierungen an den Rundbögen, eine halbrunde Holzdecke und einige alte Bleiglasfenster, durch die das Licht so präzise fällt, dass es wie kleine Flecken der Erleuchtung in den Raum geworfen wird, mal hierhin, mal dorthin, machen diese Kirche so charmant. Das schrumpelige weiße unscheinbare Häuschen schmiegt sich weich in die Hügel zwischen Gstaad und Schonried, sie wirkt zierlich und hell, die Kirche, sie hat vor allem einen wunderschönen Klang und ist gerade so groß, dass man sich doch auch sehr geborgen in ihr fühlt.

Hier in dieser kleinen Kirche von Rougemont fand das Abschlusskonzert der Barockakademie von Maurice Steger statt, und Marco hat im Ensemble zusammen mit dem Lautenisten Daniele Caminiti und den beiden Cembalisten Eriko Wakita und Dieter Weitz, der übrigens das Foto oben gemacht hat, und den jungen Akademisten gespielt. Absolute Profis mit angehenden Profis im Ensemble. Hier spielen sie mit Sylvia Berchtold.

Das allein war schon sehr sehr schön. Aber da war dann also auch noch Marcos Fagott, das schnurrte, schnarrte, flatterte wild. Das legte sich in langen breiten Flächen in den Raum, als zerflösse da ein farbiges Bild vor unseren Augen und Ohren. Marco rollte Teppiche voller warmer Töne aus, bis in die hinterste Ecke der kleine Kirche, bettete Flöte, Laute, Cembalo auf Fagott-Daunen und federte und federte, hüpfend, trippelnd, und wenn dieser schnarrende ächzende Klang einsetzte, der die Musik plötzlich sprechen liess, der wisperte, stöhnte, greinte, feixte, säuselte, der sich in großem Lamento verlor, glaubte man nie und nimmer, dass dieses kehlige, besänftigende Flüstern, das sich über die Töne legt wie eine zweite Stimme, ein alter ego, von diesem Fagott kommen könnte. Dieser Klang hat weitaus andere, größere Dimensionen, als man je gehört hatte.

Als Marco später im Seitenschiff saß, ein kleines Gewicht von oben durch die Röhre und den Stiefel, also das „Endstück“ des Fagotts bugsierte, ein Gewicht, an dem ein Seilchen mit einem mit Leinöl getränkten Tuch hing, als er also seinen Fagott sorgsamst pflegte, so bedächtig und ruhig und fast ein bisschen zärtlich, sagte er beiläufig, was es mit dem Instrument auf sich hat. Auf ihm wurde die Uraufführung der Matthäuspassion von J. S. Bach gespielt. Ich habe es erst gar nicht verstanden und stellte aus Reflex die Frage, wie alt es denn sei. Es wollte mir nicht in den Kopf, dass ich gerade „jemandem“ begegnet war, der Bach kannte. Persönlich. Das mit Bachs Matthäuspassion war 1727, das heißt, das Instrument ist in diesem Jahr am 11. April 290 Jahre alt geworden. Mindestens. Und jetzt kuckt noch mal auf das Bild.  Dieses kleine schlanke Ahornholzrohr auf dem Bild da oben, das ist also das zentrale Motiv, der Hautdarsteller. Das ist das bildgewordene Vermächtnis eines längst vergessenen Klangs. Und Marco und ich: wir lächeln einfach nur dazu, weil es unfassbar ist, dass genau dieses eine Matthäuspassionsuraufführungsinstrument noch lebendig ist, dass es uns heute noch Geschichten von damals erzählt. Was ist es für ein fantastischer Erzähler, dieses Fagott, das als einziges weiß, wie die Matthäuspassion beim ersten Mal geklungen hat. Und was ist er für ein großartiger Spieler, Marco, der weiss, wie man das Fagott nach drei Jahrhunderten noch zum Sprechen bringt. 

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