Nischisierung

Vor einem Jahr etwa begann ich im ersten Lockdown, meine Wohnung mit ganz anderen Augen zu sehen: Küche, Klo und Sofa – die erschienen mir plötzlich wie Orte und Landschaften fremder Welten, die ich bereisen konnte, weil ich mit meiner Lockdown-bedingten Wohnungsdauerpräsenz einen mikroperspektivistischen Blick auf alles um mich herum entwickelte und merkte: In den Dingen steckt mehr, als ich je dachte. Ich sehe meine Wohnung nun in einem ganz neuen Licht und weise den Dingen Funktionen zu, die sie sich selbst nicht erträumt hätten. Die neuen Landschaften in meiner Wohnung nehmen seitdem ungehemmt zu. Gerade sind es die Nischen, die ich lange übersehen habe und denen ich durch unerwartete Funktionalitäten ein von Grund auf neues Selbstbewusstsein schenke. Mein Kleiderschrank zum Beispiel war mir eigentlich nie so viel wert. Er ist klein, etwas billig, vor allem funktional und birgt etwa nicht nur Kleidung, von der ich nicht so viel besitze, sondern zu einem Drittel Sachen, die man mir einmal zur Konfirmation und später als „Aussteuer“ angedacht hatte, die ich aber aus mangelndem Verheiratetsein unangetastet ließ, und die ich nun seit dreieinhalb Jahrzehnten mit mir rumschleppe und lagere. Eine absolute Nische in der Nische übrigens. Und darum prädestiniert für ein Leben außerhalb seiner Bestimmung.

Die Nischen sind sowieso jetzt überall ganz groß im Kommen. Jeder und jede, die was auf sich hält, tapeziert sich gerade seine Nische, nur um sich nicht gemein machen zu müssen mit anderen und deren Habitat. Alles muss besonders sein, alles benötigt ein Alleinstellungsmerkmal, und wenn man sich schon in den kalkulierten Posen und Chiffren eines Milieus verliert, dann aber Bitteschön mit voller Absicht und ironisch. Alles hat gerade so eine große Bedeutung auf der Meta-Ebene: Möbel, Klamotten, Schminke, Sprachmelodien, Schuhe, Parfüm, Wörter. Das unbedarfte Leben ist längst vorbei – an allem klebt eine Marke und damit ein Code, der mich in ein Milieu einschreibt, oha, oder sogar in eine ganze Generation. Also, keine Frage, ich mache da auch munter mit, geht ja gar nicht anders – mit einem einfachen Plot-Twist. Vor längerer Zeit kaufte ich aufgrund sozialer Affirmation meines kleinstkleinen sozialen Privatumfelds zwei Rolling-Stones-Oberteile mit einem Aufdruck dieser herausgestreckten Zunge, obwohl ich ohne zu googeln nicht ein einziges Lied dieser Band kenne oder textsicher mitsingen kann. Ich fake also vorsätzlich mit einem vermeintlich Coolness-steigernden Accessoire die Zughörigkeit zu einem Milieu, indem ich mir das Recht rausnehme, die gute Marke als blanke Mode zu degradieren. Ich schmücke mich mit fremden Federn, könnte man meinen, ich bluffe perfide. Für echte Rolling-Stones-Fans bestimmt nicht so schön.

Darum ja auch diese Nischisierung. Als Gegenbewegung sozusagen. Die Nischisierung ist eigentlich nur dazu da, um seltene Sachen zu finden und so komisch zu kombinieren, dass andere deren Codes entweder gar nicht verstehen oder zumindest nicht ohne Widerspruch entziffern können. Würde ich jetzt ein Beispiel nennen, wäre das eine Stilisierung, von Meta-Ebenen kann man sehr tief fallen. Es ist aber auch schwierig geworden mit der Individualisierung, der Manufaktum-Katalog hilft schon längst nicht mehr weiter, viel Geld dagegen schon eher, weil überteuerte Handtaschen schon mal bestimmte Gesellschaftsschichten vom generellen Haben ausschließen. Aber gegen die, die sich sowieso keine Rolex leisten können, macht das Abgrenzen ja irgendwie auch gar keinen Spaß mehr. Da hilft nur Nischisierung.

Die Nischisierung ist die idiosynkratische Antwort auf das Dagegensein von damals. Früher reichte einfach Verweigerung von irgendwas, jetzt muss es schon ein ganz spezieller Entwurf von einem selbst sein. Also, ich habe nicht einfach nur einen Stufen-Haarschnitt, sondern einen „Rachel-Cut“. Aber ich schweife ab. Ich bin ja eigentlich nur auf die Nische gekommen, weil ich selbst so erfolgreich zuhause nischisiere. In meinem Kleiderschrank. Ich nehme da jetzt immer meine Sachen auf. Das Mikrophon ist teurer als der ganze Schrank. Großmembran halt. Hinten am Schrankrücken kleben die Manuskriptseiten. Es ist kein begehbarer Schrank, mehr so ein „bestehbarer“. Ich brauche tatsächlich auch eine Stirnlampe, um den Text an der Rückwand lesen zu können. Diese Nische ist eines von zwei kleinen Hörfunkstudios bei mir zu Hause. Eine perfekte Nische. Hat keiner so, garantiert! Die Blusen müssen so schief hängen, übrigens. Sonst klingt‘s einfach nicht so gut.

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